Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
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dazu die Erfahrung wohlfahrtspflegerischer Praxis brauchte. Siemußte sich also auf eine geordnete Berichterstattung aus demLande und auf regelmäßige Aussprachen mit den Genossen, die dieseErfahrungen sammelten, stützen können. Auch die sozialdemokrati-schen Fachleute, die jetzt in Gemeinde- oder Staatsämter gekommen,und die Fachbeamten, die jetzt, da es möglich war, in die Parteieingetreten waren, mußte sie hören. Dazu gehörten die Theoretikerwie Dr. h.c. Helene Simon, die schon lange Sozialistin war undnun die Mitgliedschaft erworben hatte, und die viel in dem her-vorragenden Organ der bürgerlichen Sozialreformer" Soziale Praxis",über die Reform der Armenpflege schrieb.

In ihrer Kriegsarbeit hatte Marie erkannt, daß die soziale Arbeitauf die Dauer nicht hauptsächlich von ehrenamtlichen Kräften befrie-digend durchgeführt werden konnte. Eine viel intensivere Beschäfti-gung mit den einzelnen Hilfsbedürftigen, viel grundlichere wirtschaft-liche, soziale, hygienische und pädagogische Kenntnisse waren erfor-derlich, als ehrenamtliche Kräfte sich in der Regel erwerben konnten.Hier war ein Beruf, so sah es Marie, für Menschen, die selbst dieArmut kannten und die Armen daher verstehen konnten. Und gerade weilsie ein verfeinertes System der Armenpflege wollte und einsah, daßes nur von Berufskräften durchgeführt werden konnte, mußte sie sicheingestehen, daß diese Kräfte einer Schulung bedurften. Dr. Alice Salomon , die Wegbereiterin der sozialen Berufsausbildung, hatteschon zu Beginn des Jahrhunderts Frauen und Mädchen zur sozialenArbeit aufgerufen, damit diese Mädchen ihrem eigenen Leben einenSinn geben und gleichzeitig Armen helfen konnten. Sie hatte einge-sehen, daß zu guter und wirkungsvoller Arbeit eine Ausbildung ge-hörte, und hatte zu diesem Zweck 1908 eine soziale Frauenschule inBerlin gegründet. Wie aber sollten Arbeiterinnen, zwei Jahre aufihre Erwerbsarbeit, von der sie lebten, verzichten? Wie die Mittelfür die Ausbildung aufbringen?

Bei einer Unterredung mit Dorothea Hirschfeld , Ministerialrätinim Reichsarbeitsministerium , vorher Geschäftsführerin im Verein fürArmenpflege und Wohltätigkeit, dem nachmaligen Verein für öffentlicheund private Fürsorge, besprach Marie diesen Punkt. Es stellte sichheraus, daß Dorothea Hirschfeld , die im Ministerium die Kriegerwit-wen- und-waisenfürsorge bearbeitete, erwogen hatte, für Krieger-witwen eine Ausbildung in sozialen Berufen einzurichten. Beide