Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
Keine Angabe
Einzelbild herunterladen
 

75

Kräfte in höhere Stellungen muss gefördert werden."

Der ersten öffentlichen Tagung schloss sich in Görlitz die ersteJahresversammlung des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt mit denVertretern der Bezirks- und Ortsausschüsse an. Sie wurde mit einerRede von Marie Juchacz über" Die Erfahrungen der Vergangenheit in derWohlfahrtspflege und ihre Nutzanwendung" eröffnet." Ihre Ausführungen",schrieb Helene Simon in" Soziale Praxis"," zeigen, wie man auf dem Bodender Sozialdemokratie an praktische, nicht parteipolitische Arbeit her-angehen kann. Mit ungemeiner Beseeltheit verbindet diese Führeringrosse Objektivität und Sachlichkeit."

Das klingt sehr verschieden von Zörgiebels Wort von der" hartenSchale dieser Frau". Und doch war beides richtig. Im persönlichen Um-gang hatte Marie Juchacz es schwer, unmittelbaren, warmen Kontakt her-zustellen. Sie litt gewiss selbst darunter, aber sie hatte eine zugrosse Scheu davor, Gefühle zur Schau zu stellen. Die Ziele der Par-tei und die Aufgabe der Arbeiterwohlfahrt aber waren etwas Überpersön-liches, Objektives, und wenn sie darüber sprach, sprite man Wärme undBeseeltheit. Aber selbst dann blieben Haltung und Ausdruck ruhig undgemessen. Diese ruhige Würde zeichnete sie ihr ganzes Leben hindurch

aus.

Marie Juchacz sah die Hauptaufgabe der Arbeiterwohlfahrt im Kampfum die Überwindung des demütigenden Charakters der Armenpflege und umdie Demokratisierung der Wohlfahrtspflege. In der ehrenamtlichen sozia-len Arbeit sah sie ein hervorragendes Mittel zur Weckung staatsbürger-licher Gesinnung und Mitverantwortung.

Ihre Bedeutung für die Arbeiterwohlfahrt lag in der Herausarbei-tung der Rolle, die die Arbeiterwohlfahrt im sozialen Leben spielenmüsse, und in der Erkenntnis, dass sie ihre Ziele nur durch eine festeBindung an die Sozialdemokratische Partei erreichen könne. Ihre Führungwar erfolgreich, weil sie nicht glaubte, alles selbst tun zu müssen,sondern sie sammelte Sachverständige um sich und liess sie frei gewährerWeder im engen Kreis noch nach aussen erhob sie je den Anspruch, dieProgramme der Sachverständigen selbst entworfen zu haben. Das machtedie Zusammenarbeit mit ihr und die Arbeit in der Arbeiterwohlfahrt soangenehm, und dadurch sammelten sich so viele Talente in der Arbeiter-wohlfahrt. Die Theoretiker der Wohlfahrtspflege wie die Wohlfahrtsde-zernenten fühlten sich angezogen. In der Arbeiterwohlfahrt konnten sieihren Standpunkt verfechten, eine Plattform für ihre Ideen finden undihnen so Nachdruck verleihen. Ohne die Arbeiterwohlfahrt wären sieisoliert geblieben. Durch die Arbeiterwohlfahrt bedeuteten sie etwas inder Öffentlichkeit. Durch sie hatten sie ausserdem Fühlung mit dem