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und der persönlichen Erfahrungen.
Die Wohlfahrtsarbeit der Arbeiterwohlfahrt zeigte in den erstenJahren viel Planlosigkeit und Dilettantismus. Betrachtet man die Arbeitaus der heutigen Sicht, darf man nicht vergessen, dass die deutsche Wohlfahrtspflege im allgemeinen damals noch tastete. Erst während derWeimarer Republik und nicht ohne die Mitwirkung der Arbeiterwohlfahrtwurde sie verbessert. Ausserdem waren die Prinzipien der Arbeiterwohl-fahrt noch manchem örtlichen Leiter fremd. Es fehlte an einer informie-renden und belehrenden Zeitschrift. Die Massennot erlaubte kein langesÜberlegen und Planen, sondern forderte rasches Handeln. Viele Menschenund Familien, die um Nahrung und Kleidung baten, bedurften keiner plan-vollen Individualfürsorge. Sie waren lediglich durch die Notzeit wirt-schaftlich hilfsbedürftig geworden, moralisch waren sie intakt geblie-benben, und in normalen Zeiten konnten sie sich wieder selbst helfen.
Die Massennot flaute Anfang 1924 ab. Mit der endgültigen Stabilisie-rung der Mark, den Aussichten auf die Dawesanleihe und mit der Gewährungder Anleihe selbst, besserte sich im Laufe des Jahres 1924 die Wirt-schaftslage. Die Löhne, die nach der Beendigung der Inflation, imHerbst 1923, äusserst tief angesetzt worden waren, begannen schon An-fang 1924 zu steigen.
Die Beteiligung der Arbeiterwohlfahrt an den Notmassnahmen dervorangegangenen Jahre aber hatte bleibende Wirkung. Die in dieserZeit entstandenen Einrichtungen wurden nicht wieder aufgegeben. Siewurden ausgebaut und weiterentwickelt. Aber von einer systematischenPlanung der örtlichen Arbeit war auch jetzt noch nicht die Rede. Marie Juchacz wollte ihr auch keine Zügel anlegen. Der Dilettantismus störtesie nicht; dazu hatte sie zu lange und zu sehr unter dem Eindruck derNotzeit gestanden, und ihre Erfahrungen, wir haben das schon betont,bestimmten ihre Entschlüsse.
Marie Juchacz und Johanna Heymann haben ihrem 1924 herausgegebenenBuch" Die Arbeiterwohlfahrt" der Geschichte des Hauptausschusses Be-richte über die Arbeit in den Bezirks- und Ortsausschüssen beigefügt.
Die Verfasserinnen des Buches haben die Berichte nicht analysiert.Sie wählten zum Nachdruck aus, was ihnen charakteristisch für die Ar-
beit erschien. Dieses Material eignet sich nicht für eine nachträglicheAnalyse. Die Mitarbeiter, ja selbst die Leiter mancher Bezirks- undOrtsausschüsse, waren unerfahren in geordneter Berichterstattung. Des-halb beschränken wir uns darauf, eine kleine Auswahl der Berichte zuveröffentlichen.
Im Januar 1920 wurde dem Hauptausschuss aus Ostpreussen ge-schrieben: