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Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
Keine Angabe
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keiten. Als Rednerin gefiel uns Marie besser. Sie war imposantin ihrer Schwere, während mir Elisabeth als Rednerin oft zuweich und weiblich erschien. Elisabeth hatte eine leichte Auffas-sungsgabe und arbeitete sich schnell in die Probleme der Anstalts-fürsorge ein( sie war Vorsitzende der Anstaltskommission der Ar-beiterwohlfahrt)...... Sie hatte viel künstlerischen Geschmack,das sah man an ihrem Haus und ihren Wohnung.

In einem waren sich die Schwestern ähnlich. Sie waren beide vor-nehm sowohl in der Gesinnung als auch in den äußeren Formen.Ich habe nie von beiden ein unvornehmes Wort gehört, eine unvor-nehme Geste gesehen oder eine Intrige erlebt. Marie konnte abwei-send sein, aber launisch war sie nie und nie unsachlich. Elisabethwar gelöster, aber im Wohlfahrtsausschuß der preußischen Landtags-fraktion übte auch sie ihr Amt mit Würde aus und ordnete mit hei-terer Liebenswürdigkeit die verschiedenen Meinungen der Sache unterDaß Marie sich nie aufschloß und, sobald persönliche Fragen berührtwurden, schwieg, fühlten auch die drei Kinder, und sie zogen sichin ihrer Gegenwart in sich selbst zurück.

Lotte Juchacz war im Umgang mit ihrer Mutter so zurückhaltend undherb wie diese. Marie liebte die Tochter und war stolz auf sie, verriet es aber nie mehr als durch einen gelegnetlichen Blick oder eingelegentliches Wort in Lottes Abwesenheit. Lotte war eine zähe undfleißige Studentin. Die Absicht einer politischen Laufbahn hattesie nicht. In Gegenwart der Mutter bedrückte es sie, daß sie mitihrer guten Schul- und Universitätsbildung eine Spitzenstellung,wie sie ihre Mutter ohne formale Bildung erreicht hatte, nichteinmal anstrebte. In ihren Denkformen waren Mutter und Tochter ver-

schieden. Lotte hatte gelernt, abstrakt zu denken, Dag konnteMarie nicht, sie schloß aus ihren Erfahrungen.Maries Verhältnis zu den jüngeren Frauen ihres Mitarbeiterkreiseswar sehr verschieden von der Beziehung xa zu ihrer Tochter. Nichtdaß sie sich ihnen gegenüber freier gab oder fröhlich und unter-haltend wurde. Aber sie fand bei ihnen die gleichen Erfahrungenund Interessen, und das ergab viele Berührungspunkte. Sie Stütztesich auf Johanna Heymann, Käthe Buchrucker und auch auf Hedwig Wachenheim , später auf Lotte Lemke , vertraute ihnen und ließ siefrei gewähren; sie schuf so zwar keine persönliche Intimität aberein Vertrauensverhältnis in der Arbeit.

Maries Sohn Paul hatte nicht Lottes Willensstärke. Er hatte alsKind mehrfach Unfälle gehabt, war viel krank gewesen und hattedeshalb oft der Pflege von Mutter und Tante bedurft. Der Vorhang,der Mutter und Tochter trennte, hing nicht zwischen Mutter undSohn in derselben Dichte. Ihrem Sohne Paul konnte Marie aus ihrer

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x Jussnote: Nach ihrer Rückkehr aus der amerikanischen Emigration wurde

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ihr Verhältnis zu Lotte le und Mina Sattler, die de desBezirks westliches Westfalen, ausgesprochen freundschaften und

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