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diesem Stockwerk waren auch die Zimmer der Mädchen, kleine freundli-che Stuben und, dazwischen verteilt, die Zimmer der Erzieherinnen.Hier befanden sich auch Arzt- und Arankenzimmer. Über der Diele lag eirgroßes sonniges Zimmer mit Blick ins weite Land, der Aufenthaltsraumder jungen Mädchen.
Das Haus war warm und behaglich, freundlich, licht und schön, 6s hattenichts von der Kargheit und Strenge so vieler anderer" Anstalten".Manchen Kritikern innerhalb der Arbeiterwohlfahrt schien es sogar zu scschön. Sie fürchteten, daß es den jungen Mädchen zu schwer würde, vondort wieder in das Milieu ihrer Familien zurückzukehren, wie es ihrLos war.
Das weite Gelände bot auch Raum für die Errichtung des" Jugendhofs",der Ferienlager und" erienkurse von Jugendgruppen aufnehmen sollte.Zu erwähnen sind noch der zur Landwirtschaft gehörende Gebäudekomplexund die Gärtnerei mit ihren Gewächshäusern und frühbeeten.
Am 1. November 1927 wurde der" I menhof" eröffnet. Daß er ein Wagniswar, dessen war sich Elisabeth Kirschmann bewußt. Die Arbeiterwohlfahrthatte bisher nur begrenzte Erfahrungen in der Erziehungsfürsorge aam-meln können. Ein Heim für Schwererziehbare war ihr neu. Auf gelerntesund erfahrenes Personal, das aus der eigenen Arbeit stammte, konntenur in geringem Umfang zurückgegriffen werden. Die Arbeiterwohlfahrtund ihre Zeitschrift hatten die Erziehung in den überkommenen Anstal-ten und das herrschende System der Fürsorge erziehung oft und scharfangegriffen. Würde der" Immenhof" ein Fehlschlag, so würden alle Re-formbestrebungen der Arbeiterwohlfahrt künftig mit diesem Fiasko be-lastet sein.
Elisabeth Kirschmann aber konnte sich auf die sachverständigen Mitglieder ihrer Anstalt skommission verlassen. Da waren- u.. Walter Fried länder , der als Leiter des Jugendamtes im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg , Berlin , die Bedürfnisse gefährdeter Großstadtkinder genau kannteRudolf Schlosser , der die erzieherischen Probleme einer Fürsorgean-stalt in seiner eigenen Arbeit als Anstaltsleiter täglich erfuhr undsie tief durchdacht hatte, nahm intensiven Anteil an dem pädagogischenPlanen und an der Einrichtung des Immenhofs. Er strahlte Herzlichkeitund Menschenliebe aus. Professor Dr. Mennicke, der Leiter des Sozial-pädagogischen Seminars an der Hochschule für Politik, Berlin , war Päd-agoge und hatte Fragen der Heimerzieherausbildung besonders studiert." Wer sich auf Zwangs- und Gewaltmittel verläßt", so schrieb er ein-mal," nimmt die Frage der Erzieherausbildung zu leicht." Der Erziehermüsse eine Reihe psychologischer und soziologischer Tatbestände wissendamit er den Charakter der Zöglinge und den Einfluß des Milieus beur-teilen könne. Er müsse den Wert des Lebens schätzen und auch eine ge-wisse Bildung haben, um geistig anregen zu können. Einen Teil seiner