Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
Keine Angabe
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Aber in der Rangordnung des immer wachsenden Kreises deutscherFlüchtlinge im Saargebiet galten sie noch immer als das, was siegewesen, und ihr Selbstgefühl blieb so in der ersten Etappe ihrerEmigration intakt. Wie die Hoffnung der meisten Flüchtlinge in denersten Jahren der Emigration war auch die ihre auf baldige Rückkehrauf Wiederherstellung dessen, was gewesen und auf die Wiederauf-nahme ihrer alten Tätigkeit gerichtet.

Emil Kirschmann arbeitete zunächst als Berichterstatter undRedakteur an der Saarbrückener " Volksstimme" und dann, als Wilhelm Sollmann , sein alter Kollege aus der Kölner Redaktion und aus demReichstag , die" Freiheit" gründete, an dieser Zeitung mit. Die" Freiheit" erschien in Saarbrücken , sie war ein in Westeuropa weitverbreitetes Blatt, das deutsche Politik machte und ganz dem Kampfgegen Hitler gewidmet war. Emil Kirschmann sammelte Nachrichtenaus Deutschland , die die Flüchtlinge aber auch andere eisendebrachten, auch solche, die ihm der Prager Parteivorstand sandte;er veröffentlichte sie in der" Freiheit" und vermittelte so derwesteuropäischen Öffentlichkeit die Kenntnis sonst verborgen ge-bliebener Ereignisse in Nazi- Deutschland.

Marie Juchacz schaltete sich in diese Arbeit ein. Sieschrieb zwar nicht, nahm aber an allen Besprechungen beratend teil.Praktisch tat sie etwas anderes, Wichtiges: sie eröffnete einenMittagstisch für Flüchtlinge aus Deutschland . Sie kochte selbstund überwachte das Servieren. Maries Mittagstisch überbrückte fürdie Flüchtlinge den Sturz in plötzliche Heimatlosigkeit. Hier fan-den sie alte Freunde. Hier waren sie noch, was sie zuvor gewesen.Hier lebte ihr von den Nazis und dem Ausblick auf eine völligungewisse Zukunft gedemütigtes Selbstbewußtsein wieder auf. Hierfanden sie Interesse für ihre frühere Rolle und für die Geschichteihrer Verfolgung und Flucht, von der sie immer wieder sprachen.

Für Sollmann und Kirschmann hatte der Mittagstisch weitereBedeutung. Hier erführen sie Einzelheiten aus dem Leben in Deutsch­ land , wurden von politischen Flüchtlingen auf wichtige politischeVeränderungen, auf sich abzeichnende Entwicklungen hingewiesen.Durch diese Nachrichten über Deutschland konnten sie die" Freiheit"interessanter und anziehender gestalten.

Marie konnte- wenn auch bescheiden- von ihrem Einkommenleben, erfreute sich einer nützlichen Beschäftigung, worauf sieschon in ihrer Jugend so großen Wert gelegt hatte, und war fürihre Umgebung weiterhin die bekannte und hochgeachtete Marie JuchaDen Gedanken, das Saargebiet könne sich bei der vom Versailler Friedensvertrag vorgesehen Abstimmung für Deutschland entscheiden, MEXXwiesen sie und Emil Kirschmann weit von sich.