1451
146
zu stellen. Das Entscheidende aber war, daß sie wie soviele Emigranten zunächst nicht in der Lage waren, ihreSituation klar zu erkennen. In ihren eigenen Augen warensie noch immer deutsche Politiker mit derselben Missionin den Vereinigten Staaten , die sie zuvor in Saarbrücken und Mühlhausen ausgeübt hatten. Die Bedingungen, unterdenen sie in Amerika würden leben müssen, hatten Marieund Emil sich nie klar gemacht. Sie waren ja nicht ge-kommen, um ein neues Leben anzufangen, sondern weil ihnennichts anderes übrig geblieben war.
Es gab aber 1941 für sie keine Möglichkeit zu poli-tischer Tätigkeit in den Vereinigten Staaten . Aus Deutsch land waren sie acht Jahre fort; sie konnten nicht aus un-mittelbarer Erfahrung berichten. Die amerikanischen Zeitun-gen wußten über die letzten Ereignisse mehr als sie, die sieso lange Zeit auf der Reise von Europa nach Amerika ver-bracht hatten. Außerdem waren sie dadurch benachteiligt,daß sie nicht englisch sprachen.
Die Vereinigten Staaten sind ein Einwandererland, ge-wöhnt, auch politische Flüchtlinge an ihren Ufern landenzu sehen. Diese Flüchtlinge werden beraten wie andere,abersie müssen schließlich selbst sehen, wie sie ihreKräfte verwenden. Außer den Gelehrten, Schriftstellern,Künstlern und Staatmännern, deren Name schon vor ihrerLandung einen guten Klang im Lande hatten, gilt jederEinwanderer gleich. Er muß sich dem anpassen, was Amerika braucht und ihm bietet. Erst, wenn er seine alte Vorstel-lung von sich überwindet, erst, wenn er seine Kräfte nichtnach dem, was sie früher waren, sondern nach dem, was siein Amerika wert sind, einschätzt, kann er sich wieder un-abhängig machen, erst dann finden auch seine Charakter-eigenschaften wieder Bewertung.
Marie wurde von den Nöten des Flüchtlingsdaseins härtergetroffen als andere. Von steiler Höhe sank sie in tiefereTiefen. Das neue Land und sein Wesen waren ihr unbekanntwie seine Sprache. Sie hatte keine Spezialausbildung, aufdie sie hätte aufbauen können. Sie hatt einst eine hohePosition erreicht, weil sie Eigenschaften besaß und Plänehatte, die den einmaligen Anforderungen einer bestimmtenEpoche und Umgebung entsprachen, in einer anderen Umgebungaber nicht verwendbar waren. Alles, was sie in Deutschland gearbeitet und geleistet hatte- in der politischen Frauen-arbeit, im Parlament, in de r Arbeiterwohlfahrt- beruhteauf Voraussetzungen, die völlig verschieden waren von denGegebenheiten in den Vereinigten Staaten , ja, die in Amerika nur von solchen Amerikanern verstanden wurden, die eine in-time Kenntnis der deutschen politischen Entwicklungsgeschichtehatten. Alles, was sich ein Amerikaner, der von Maries Lebens-arbeit hörte, sagen konnte, war, daß diese Frau, die keinWort Englisch sprach, in der amerikanischen Wohlfahrtspflegenicht zu verwenden sei. So blieben Marie von ihrer harten,erfolgreichen Arbeit und reichen Erfahrung nicht als das Al-ter und die Müdigkeit.