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Ein Brief vom 28. Juli 1941, den sie an Herta Kraus ,frühere Stadtdirektorin im Kölner Wohlfahrtsamt, die jetztam Frauenkollege Bryn Mawn in der Nähe von PhiladelphiaWohlfahrtspflege unterrichtete, schrieb, spiegelt ihrebittere Stimmung wieder:
" Liebe Frau Dr. Kraus!
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeilen, die Sie mirüber Wilhelm Sollmann zugehen ließen. Daß ich den Ein-druck hatte, als unwillkommener, überflüssiger und un-bequemer Gast dieses Landes angesehen zu werden, wirkte-ich befand mich in diesen Tagen sowieso in einem Zu-stand tiefster Depression so niederschmetternd auf mich,daß ich meine Absicht, Ihnen bald nach meiner Ankunft zuschreiben, nicht durchführen konnte. Es war nicht etwadie Zerstörung irgendwelcher materieller Hoffnungen, sonderneine tiefe menschliche Enttäuschung, die mich so schmerzte.Das ist ein Artikel, von dem ich nicht mehr viel vertragenkann, aber das ist jetzt aus dem Wege geräumt.
Emil Kirschmann und ich danken Ihnen herzlich für IhrenWillkommensgruß. Wir leben vorläufig hier in Meriden ,Connecticut , im Hause von Emils Bruder Robert Kirschmann.Daß Robert seinem Bruder sein Heim und Existenzmittel zurVerfügung stellt, ist bei dem Ve häktnis zwischen denbeiden Brüdern selbstverständlich. Daß er, seine Frau unddrei erwachsenen Söhnen Freundschaft, Gastlichkeit undHilfsbereitschaft in so großzügiger Weise auf mich aus-dehnen, schätze ich dankbar ein. Daß ich hier bleiben kann,erspart mit die sonst unausbleiblichen Bitterkeiten desEmigrantenschicksals in New York und bewahrt mich vor dergroßen menschlichen Einsamkeit. Außer uns beiden gibtRobert Kirschmann auch noch einem jungen Mädchen, das mit unsgekommen ist, Obdach und Nahrung. Davon schreibe ich weiter
unten.
Meine Tage sind angefüllt. Morgens und abends lerne ichEnglisch . Dazwischen mach ich mich im Haushalt und an derNähmaschine nützlich, unter anderem auch durch das Anderngeschenkter Kleider für mich. Ich will auchan der Nähmaschinemeine Kraft üben, um selbst ein Urteil über meine Leistungs-fähigkeit in praktischer zu gewinnen, muß ich aber dochbis jetzt feststellen, daß ich nicht genügend mehr kann,um das etwa als Grundlage für einen Beruf zu machen. So kannich im Augenblick nicht sagen, was ich wohl anfangen könnte, ummich mit meinen 62 Jahren mit Aussicht auf Erfolg wiederauf eigene Füße zu stellen.
In New York haben mich einige Freunde auch zu einem Kom-mittee geschickt, zum" American Committee för ChristianRefugees". Ich kam dort zu einer Miss Day und muß- obwohlich noch immer nicht mit meiner" inneren" Situation fertigbin- daß ihre menschliche Art geradezu vorbildlcih genanntwerden muß. Man zeigte Verständnis, daß ich lieber in