Akte 
Manuskript "Marie Juchacz und die Arbeiterwohlfahrt"
Entstehung
Keine Angabe
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LETZTE JAHRE IN DEUTSCHLAND

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Schon in Amerika hatte Marie Juchacz gefühlt, daß sie sich inDeutschland nur würde behaupten könne, wenn sie sich der Einmischungin Gegenwartsfragen und Gegenwartspolitik enthielt. Die formativenJahre der Bundesrepublik hatte sie nicht miterlebt und sie kannte daherdie Beweggründe nicht, die das Denken und Handeln der Menschen undGruppen bestimmte. Darum hatte sie es schon vor ihrer Abreise abge-lehnt, in Deutschland politische Vorträge zu halten, obwohl Herta Gotthelf , ihre einstige Mitarbeiterin im Parteivorstand, die jetztselbst dessen Mitglied und Frauensekretärin war, sie gern als Rednerinfür sozialdemokratische Frauenversammlungen gewonnen hätte.

Am 2. Februar 1949 landete sie in Bremerhaven . Ihre Tochter Lotte,Lotte Lemke und Herta Gotthelf standen dieses Mal am Ufer, um siewillkommen zu heissen. Auf der Fahrt nach Bremen schienen ihre beidenalten Mitarbeiterinnen ihr so vertraut, als wäre sie nie weg gewesen.In Bremen wurde sie zu einem großen Empfang im Gästehaus der Stadtgeführt. Sie scheute die Anstrengung nicht, im Gegenteil sie freutesich der Ehrung und empfand die Festlichkeit der Begrüßung alsangenehmen Zwang, die angestaute Erregung zu unterdrücken.

Von Bremen fuhr sie mit Lotte Lemke und Herta Gotthelf nach Hannover ,wo damals der Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt und der sozialdemo-kratische Parteivorstand sassen. Die Freude der alten Freunde, siewiederzusehen, tat ihr wohl. Sie lernte nun das neue Milieu kennen,in dem sich nundie Arbeit der beiden Organisationen vollzog,und bekam einen ersten Eindruck von den Gedankengängen, die die Be-wegung bestimmten.

Von Hannover ging sie auf Nettgut in Weissenthurm bei Andernach ,das ihr Sohn Paul verwaltete, der seiner Mutter ein kleines Zimmerbehaglich eingerichtet hatte. Dort wurde ihr noch einmal eine kleineFrist gegeben, die sie brauchte, um sich an den Gedanken zu gewöhnen,daß sie wieder in Deutschland war, und um ihre Wissbegier über dasAlte, das wieder erstanden war, und das Neue, das sich gebildet hatte,zu stillen.

Am 17. Februar holte Paul Löbe sie nach Bonn , wo sie im Bundestagvon den alten Freunden, die mit ihr im Reichstag gesessen hder zu

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