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Ihre Unsicherheit über Motive und Auswirkung dessen, was dieneue Arbeiterwohlfahrt geschaffen, bestimmte sie, in der Hamburger Ansprache bei ihrer Entscheidung zu bleiben und sich von den Tages-fragen fern zu halten. Sie sprach davon, daß die alte Arbeiterwohl-fahrt von Hamburg ihren Ausgang genommen, vom Sinn der ursprünglichenArbeiterwohlfahrt, der die Hitlerperiode überlebte und den altenMitarbeitern 1945 noch so lebendig erschien, daß sie bald nach demFall der Nazis eine neue Arbeiterwohlfahrt mit derselben Aufgabeund dem alten Namen gründeten und für sie die Zustimmung und Mit-arbeit der neuen Generation fanden.
Von Hamburg kehre sie aufs Nettegut zurück, um bei Paul ihren70. Geburtstag zu feiern. Das Weissenthurmer Postamt wurde über-flutet mit Briefen, Telegrammen und Paketen, die von den Arbeiterwohl-fahrtsausschüssen und den alten und neuen Freunden eintrafen.
Für Marie bedeuteten die vielen Gratulationsgrüsse die Anerkennungihrer persönlichkeit und Leistung, eine Bestätigung ihres Selbst-gefühls, die ihr wohltat.
Dann ging sie auf eine Reise nach Kassel , an den Niederrhein ,nach Köln und Nürnberg . Überall dort sah sie alte Freunde wiederund hielt kurze Ansprache vor der Arbeiterwohlfahrt.
Am 8. April traf sie wieder auf dem Nettegut ein, um Pläne fürweitere Reisen und Vorträge zu machen. Dort muß sie das Telegrammvon Robert und Käthe Kirschmann erhalten haben, das ihr den TodEmil Kirschmanns mitteilte. Wieder schwieg sie über ihre Gefühle.Sie hat die Nachricht nicht einmal in einem Brief erwähnt, densie unmittelbar nach deren Empfang an Lotte Lemke schrieb.
Ihre Reisen brachten sie auch mach Berlin . Damals war die russi-sche Blockade über die Stadt verhängt. Nur über die Luftbrückekamen die notwendigen Lebensmittel und Kohle nach Berlin .
Marie Juchacz besuchte die Berliner Arbeiterwohlfahrt, die geradebegonnen hatte,
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