- 168-Kinder aus dem leidenden Berlin über die Luftbrücke in Familien undHeime des besser versorgten Westdeutschlands zu senden. Das Berliner Stadtparlament begrüßte die Rückkehrerin. Eingehakt in den ArmLouise Schröders ging sie durch die Wandelhalle und nahm die Grüßeder Freude darüber, daß sie überlebt und gesund und frisch zurückge-kehrt war, entgegen. Sie selbst sagte immer wieder, wie schön es sei,so viele alte Freunde wiederzusehen und erzählte dazwischen vonAmerika , ihren Bemühungen um die Sprache, die sie befähigt hatten,einfache Gespräche zu führen, nicht aber an komplizierten und vorallen Dingen politischen Erörterungen teilzunehmen, und den Entbeh-rungen, die das mit sich brachte. Sie beschrieb die Art, die höflicherFormen, in denen sich die politischen Kämpfe in den Vereinigten Staaten abspielten, und fügte dann über Berlin hinzu:" Es ist einWunder, daß trotz Hitler und allem, was über uns kam, es hier heutenoch oder wieder- so viele Freude und Liebe unter den Menschen gibt
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Von Westberlin ging sie auch in den Ostsektor, um ihren Bruder Ottozu besuchen. In der Unterhaltung mit ihm wurden soviel alteErinnerungen lebendig, daß sie die ersten Kapitel ihrer Erinnerungenniederschrieb. Danach genoss sie acht Tage der Ruhe bei Fritz Roehl,Elisabeths Sohn, in München , eine Ruhe, die allerdings unterbrochenwurde von Interviews für Zeitungen und den Funk, die Fritz vorberei-tet hatte, damit sie über den amerikanischen Paketdienst, den allge-meinen und ihren eigenen berichten konnte.
Ende des Sommers verließ sie Paul, obwohl sie das Gefühl hatte,daß er die ruhige, ausgleichende Mutter brauchte und obwohl sie anihren Enkeln viel Freude hatte. Sie zog in ein geräumiges Zimmer inDüsseldorf mit schönem Blick über den Rhein . Der Hauptausschußfür Arbeiterwohlfahrt hatte sich inzwischen im nahen Bonn eingerichtetIn Düsseldorf wohnte sie nur fünf Minuten Fußweg von ihrer Trochterentfernt. Maries neues Zimmer bot ihr Platz zur Arbeit und zur Aufbe-wahrung ihrer Papiere. Sie begann ihre Erinnerungen aufzuzeichnenund schrieb auch Artikel für die von Herta Gotthelf im Namen desSozialdemokratischen Parteivorstandes herausgegebene Monatsschrift" Gleichheit" und andere Blätter. Sie schrieb über ihre Erfahrungenvor 1933, ihre Tätigkeit in Amerika und auch über allgemeine Frauen-probleme. In jenen Tagen kam Käthe Kirschmann zu Besuch nachDeutschland . Sie brachte Emils Asche, die im Grabe seiner erstenFrau, Elisabeth, Maries Schwester, beigesetzt wurde.
Eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe überkam sie nun oft, nach Zeit,um die Vergangenheit und Zukunft der deutschen Politik und der
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