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an allen Beratungen und Beschlüssen über die zukünftige Gestaltung derOrganisation und Arbeit mitzuwirken. Als Ehrenvorsitzende aber wir desie immer gehört werden, wenn sie betonte, was sie als die derArbeiterwohlfahrt innewohnenden und bleibenden Aufgaben und Ziele
ansah.
Die Jahre 1951 und 1952 verliefen so, wie der Aufenthalt inDeutschland begonnen: Auf dem Nettegut Familienleben, besondersWeihnachtsfeiern, bei denen sie Emil Kirschmann schmerzlich vermißte,Ruhe und Sammlung und schriftliche Arbeiten in Düsseldorf , dazwischenTeilnahme an Arbeiterwohlfahrt- und manchmal auch an politischenFrauenkonferenzen.
Sie ging wieder nach Hamburg und Westerland und auch nach Dort mund , Mainz , Frankfurt , Reutlingen , meistens für kurze Ansprachen.Sie nahm 1950 an einem Internationalen Seminar teil, welches das Uni-tarian Service Committee Boston, USA , und der Hauptausschuß in Berlin abhielten und in dem Motiv und Praxis der Fürsorge am Menschenerörtert wurden- auf einer viel höheren Ebene, das mußte sie sichzugeben, als das früher der Fall war. Sie machte von dem Seminareinen Abstecher zum August- Bebel- Heim in Berlin - Wannsee , um einemKursus für sozialdemokratische Funktionärinnen von ihren Erlebnissenin Amerika zu erzählen. In Fulda nahm sie 1951 an der sozialdemo-kratischen Bundesfrauenkonferenz teil. Sie leitete die Konferenzeinen halben Tag und sprach dann zu ihr von ihren Erinnerungen andie früheren Führerinnen der Bewegung, Klara Zetkin , Luise Zietz ,Rosa Luxemburg und Lilly Braun . So wurde sie auch dort zum Sinnbildder Tradition. Ihre Rede erweckte in ihr den Gedanken, kurzeBiographien der Frauen zu schreiben, die in früheren Perioden inder Bewegung tätig waren, um so die Vergangenheit lebendig zu erhal-ten. In der" Gleichheit" machte sie mit einem Porträt vonGertrud Hanna , der einsam im Hitlerreich verstorbenen Frauensekretärindes Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes , den Anfang.
1951 wurde sie zum erstenmal krank. Eine Gürtelrose fesselte sie
ans Bett und eine Weile auch an ein Krankenhaus.
Sie begann, den Verfall ihrer Kräfte zu fürchten und dachte anden Tod. Während das nichts Ungewöhnliches ist bei älteren Leuten,erstaunte es die Leserin ihrer Briefe und ihre Besucher, daß sie, dievordem nie von sich selbst gesprochen, nun solche Befürchtungen freienthüllte. Ihr Wille zur Selbstbehauptung blieb dennoch stark. Siewollte sich die Kraft erhalten" sich einzufühlen, mitzufühlen und zu
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