Juli 1957
Bulletin
des ,, Fränkischen Kreises"
Freie Vereinigung von Angehörigen geistiger Berufe in der BundesrepublikSekretär: Universitätsprofessor Dr. Franz Paul Schneider, Würzburg
Nr. 1
Der„ Fränkische Kreis" hat seit 1954 regelmäßig zu wichtigenaktuellen Fragen, die den Frieden der Welt und das Schick-sal unserer Nation berührten, Stellung genommen. Er hatversucht, die öffentliche Meinung und die parlamentarischeOpposition im Sinne einer konsequenten Politik der Ent-spannung, der Koexistenz und der allgemeinen kontrolliertenAbrüstung zu beeinflussen. Die im„ Fränkischen Kreis" ver-einigten Wissenschaftler, Künstler und Pädagogen sind vonder Ueberzeugung durchdrungen, daß im Atomzeitalter neueMaßstäbe und neue Formen zur Lösung der internationalenSpannungen gefunden werden müssen. Sie sind der Mei-nung, daß die Bundesregierung mit ihrer bisherigen Außen-politik dem allgemeinen weltpolitischen Trend entgegen-arbeitet und die ,, Welt aufhält". Der„ Fränkische Kreis" wurdeals Petitionsbewegung ins Leben gerufen, und er betrachtetdie„, Petition" noch immer als die wirksamste Form der poli-tischen Einflußnahme.
In diesem Jahre war es das„, Göttinger Manifest" der 18 Atom-forscher, die das deutsche Volk eindringlich auf die Gefahrenhinwiesen, die mit der atomaren Aufrüstung der Bundes-republik und der Lagerung atomarer Sprengkörper auf deut-schem Boden verbunden sind. Der„ Fränkische Kreis" wäreseiner Aufgabe untreu geworden, wenn er sich nicht sofortin die Front der entschlossenen Gegner der atomaren Auf-rüstung eingereiht hätte.
Er wandte sich zunächst mit einem„ Offenen Brief " an dieRegierung der Bundesrepublik Deutschland . Der„ Offene Brief " fand die Zustimmung zahlreicher prominenter Vertre-ter des deutschen Kulturlebens. Den zweiten Schritt bildeteeine„ Petition" an den Bundestag, die zusammen mit einervielbeachteten Atombroschüre an einen kleineren Kreis ver-sandt und von 245 Persönlichkeiten unterzeichnet wurde. Inder zweiten Etappe wurde die Unterschriftenwerbung aufwesentlich breiterer Basis fortgesetzt. Bis zum 20. Juli ist dieZahl der Unterzeichner auf 700 angestiegen.
Es ist uns heute ein Bedürfnis, allen Unterzeichnern für Ihrewertvolle Unterstützung aufrichtig zu danken. Besondersverpflichtet fühlen wir uns auch allen Freunden,die unsdurch teilweise erhebliche Geldzuwendungen in die Lage ver-setzt haben, die Druckkosten der Atombroschüre zu bezah-len. Diese freundschaftliche Hilfe ist um so höher zu veran-
schlagen, als durchaus nicht alle Vertreter des kulturellenLebens vom deutschen „ Wirtschaftswunder" erfaßt wurden.Der„ Fränkische Kreis" ist auf die materielle Hilfe seinerFreunde und Förderer angewiesen, und die Reichweite sei-ner Aktionen wird jeweils durch den Umfang freiwilliger Zu-wendungen bestimmt. Da wir über kein Büro verfügen, wares uns leider nicht möglich, jedem einzelnen Spender, wiees sich gehört hätte, persönlich zu danken.
Aus dem gleichen Grunde konnten wir auch nicht auf diezahlreichen beachtenswerten Vorschläge und kritischen Ein-wende eingehen. Wir bitten aber alle Unterzeichner, davonüberzeugt zu sein, daß wir die uns übermittelten Anregun-gen und kritischen Hinweise in unserer künftigen Arbeit be-rücksichtigen werden.
Nicht zuletzt fühlen wir uns jenen Empfängern der Peti-tion verbunden, die sie nicht unterzeichnet haben, aber sichdie Mühe machten, ihren ablehnenden Standpunkt zu be-gründen. Diese Dokumente konstruktiver Kritik und Pole-mik werden uns veranlassen, unsere Positionen immer wiedersorgfältig zu überprüfen. Wir bitten, uns auch in ZukunftAnregungen und kritische Bedenken nicht vorzuenthalten.Schließlich bitten wir um Verständnis dafür, daß wir Unter-schriften, die unter Vorbehalt abgegeben wurden, nicht be-rücksichtigt haben. Wir möchten uns in keinem Falle einesVertrauensmißbrauchs schuldig machen. Ferner bitten wir umVerständnis dafür, daß wir nur Unterschiften von Ange-hörigen der geistigen Berufe veröffentlichen. Wir sind ge-wiß nicht der Meinung, daß die Unterschrift eines Schlossersoder einer Hausgehilfin geringeres Gewicht hätte als dieeines Akademieprofessors. Wir müssen uns aber im Inter-esse der vollen Wirksamkeit unserer Arbeit und Arbeits-methoden und auch mit Rücksicht auf unsere schmale finan-zielle Basis auf die Angehörigen geistiger Berufe beschränken.Je mehr es dem„ Fränkischen Kreise " gelingt, die verant-wortungsbewußte Intelligenz der Bundesrepublik zur tat-kräftigen Mitwirkung an der Gestaltung unseres politischenLebens wachzurufen, desto mehr kann er dazu beitragen,daß ernsthafe Gefahren von unserem Volk abgewendet unddie Voraussetzungen für die deutsche Wiedervereinigung ver-bessert werden.
Am 19. Juni 1957 sandten wir unsere Petition mit den ersten 245 Unterschriften an den Bundestagspräsidenten, Herrn Dr. D.Eugen Gerstenmaier , mit der Bitte, sie dem Plenum des Bundestages zur Beratung vorzulegen. Unsere Bemühungen hattenkeinen Erfolg. Deshalb übermittelten wir dem Herrn Bundestagspräsidenten am 23. Juli 1957 folgenden Brief mit den neu ein-gegangenen Unterschriften:
An den
Betrifft: Petition des„ Fränkischen Kreises".
Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident!
In Ihrer Eigenschaft als Präsident des Bundestages sandten wir Ihnen am 19. Juni 1957 eine von 245 Vertretern der geistigenBerufe unterzeichnete Petition. Wir baten Sie, die Petition dem zuständigen Ausschuß des Bundestages und dem Plenum zurBeratung und Beschlußfassung zuzuleiten.
Die Petition hat in der Presse und im Rundfunk starke Beach tung gefunden. Wir haben bis zum 20. Juli 1957 700 Unterschrif-ten erhalten, die Sie aus der Anlage ersehen. Täglich gehen uns weitere Zustimmungserklärungen zu.
Wir verstehen daher nicht, daß der Bundestag in die Ferien gehen konnte, ohne über unsere Petition zu beraten, obwohlein weiterer Aufschub der Entscheidung über eine für das deutsche Volk lebenswichtige Frage nicht verantwortet werdenkann.
Wir erwarten, daß der Bundestag in seiner letzten Sitzungsperiode auf jeden Fall auch über unsere Petition berät.
1 Anlage
Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung
Ihr