Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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" Eigentlich müsste man verzweifeln, Lisbeth. Was hatten wir davon,dass wir mit 163 Mandaten in die Nationalversammlung gewählt wurden?Es gab trotzdem noch 42 Deutschnationale, 21 Deutsche Volksparteiler,75 Deutsch- Demokraten, 75 Christliche Volksparteiler, 22 Unabhängigeund 10 Splitter- Parteiler. Wir haben mit Mühe und Not Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten wählen können( am 11. Februar), кxxzkaxxixkRXXX* x* x* x* x* x* x* x* x Von allen Abgeordneten stellen wir ein gutesDrittel. In Deutschland geht es drunter und drüber. Und jetzt dieserFriedensvertrag. Dr. Bell und Hermann Müller haben unterschrieben." Und was wäre gewesen, wenn sich niemand zur Unterschrift gefundenhätte? Clemenceau hat keinen Zweifel daran gelassen, was dann ge-schehen würde. Nach meiner Meinung hat Wilson bei den ganzen Verhand-lungen keine Rolle gespielt, die Franzosen haben entgegen aller Ver-nunft gehandelt. So und so nimmt das kein gutes Ende."" Dabei sollte es ein guter Anfang werden. Ich ahne, wie sich Deutsch­ lands Zukunft entwickeln wird. Unsere Wirtschaft braucht Jahrzehnte,um sich zu erholen. Das durch den Krieg heingesuchte Deutschland wirdsich nicht von den Folgen dieses Krieges erholen können, und neueFolgen aus diesem Friedensvertrag werden das Elend noch vergrössern.Was das politisch bedeutet, ist mir nur zu klar."

" Mir auch, Marie. Es wird eine Radikalisierung geben, und zwar aufZwei Seiten: ganz rechts und ganz links."

" Du meinst also Remilitarisierung auf der Rechten und Bolschewisierungauf der Linken? Oh armes Deutschland !"

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Solche etwas deprimiert klingenden privaten Gespräche konnten Marie-Juchacz aber nicht in ihrer politischen Aktivität hindern. Der alteGedanke, während des Krieges schon im Rheinland diskutiert und wiederzurückgedrängt, tauchte wieder auf: die Arbeiterschaft muss der Ar-beiterschaft helfen, die Not zu lindern.