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- 14-alles andere als
Bürgermeister Anker war das eindeutige Gegenstück zu eines Pessimiste,aber keiner der Berichte in der Zeitung konnte ihm auch nur den geringstenoptimistischen Kommentar abgewinnen. Obwohl es ein Samstag war, kam ihmdieser Tag recht bedrückend vor. Ursprünglich hatte er die Absicht, nochbis zum Sonntag in Berlin zu bleiben, aber ab morgen war über die Stadtder kleine Belagerungszustand" verhängt, weil der sozialistische Abgeord-nete Wilhelm Liebknechty beim Ausbringen des" Lebehoch" auf den Kaisersitzen lieb Kund warum? Um verschiedenen Zeitungen die Möglichkeit zu ge-ben, das Sozialistengesetz zu umgehen und darüber zu berichten, denn ausdem Reichstag durfte man über alles schreiben, auch über das, was die So-zialisten sagten und taten).
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Der Bürgermeister hing seinen eigenen Gedanken nach, wobei er auch jetztwieder zu der Erkenntnis kam, dass man sich doch intensiver mit den sozi alistischen Gedankengängen beschäftigen sollte. Denn vieles, was die So-zialdemokraten forderten, hatte Hand und Fuß. Zum Beispiel die Reorgani-sation des Schulwesens. Schon seit einiger Zeit war ihm gerade als Bür-germeister, der sich auch mit den schulischen Problemen seiner Stadt ab-geben musste- klar geworden, dass das Unterrichtswesen immer mehr zurseelenlosen Maschine eines einseitig intellektualistischen Zeitalters ge-worden war." Gesinnungsunterricht im Dienste der herrschenden Klasse",nannten es die Sozialisten. Und das x* x* x* x* x* xg traf zu! Der DAbgeordnete Schenkendorff, mit dem er sich darüber in Berlin hatte unter-halten wollen, war leider verhindert gewesen. Er sässe, so sagte man ihm,gerade an einer grossen schriftlichen Arbeit, die sich mit der Förderungder Handarbeit und der Volks- und Jugenspiele in Erziehung und Unterrichtbefasse. Aber was würde dabei herauskommen?
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Eigentlich machten es sich die Herren Abgeordneten in Berlin leicht mitihrer Arbeit. Ausser einigen wenigen Sozialdemokraten war noch niemand inach Landsberg gekommen, um die Probleme einer kleinen östlichen Provinz-stadt kennenzulernen. Was wussten denn diese Herren schon von*****Landsberg , mit seinen 1495 Wohnhäusern, 10 Anstalten zu gemeinschaftli-chem Aufenthalt, 5046 Haushaltungen, 11 911 männlichen( darunter 892 ak-tive Militärs) und 11 647 weiblichen Seelen?
Bürgermeister anker konnte, als er( mit einigem Stolz) diese Zahlen reka-pitulierte, nicht ahnen, dass gerade in dem Augenblick, als der Zug aufdem Bahnhof in Landsberg einfuhr, die 11 648ste Xxxka" weibliche Seele"im Begriff war, das Licht dieser Welt zu erblicken.