Die Zeit vor achtzig Jahren
Als Marie Juchacz zu Beginn des Jahres 1949 aus Amerika nach Deutschland zurückkehrte, zog sie sich auf das von ihrem Sohn Paul verwaltete Gut zurNette in Weissenthurm bei Andernach am Rhein zurück, um von hier aus denAnschluss an ein Deutschland zu finden, das sie 1933 verlassen musste.Wie sehr hatte sich dieses Deutschland verändert! Nicht nur Hitlers tau-sendjährige Parteiwalze, auch der ganze Schrecken des letzten Kriegeswar über Land und Menschen gerollt. Übriggeblieben war der Lebenswille,der jetzt, ein halbes Jahr nach der Währungsreform, in normale und zu-kunftsträchtige Bahnen gelenkt wurde.
Es dauerte ein Jahr, bis sich Marie Juchacz entschloss, die ersten Noti-zen niederzu schreiben, die ihren Lebensweg skizzieren sollten. Über denAnfang war sie sich sofort klar:
" Eindrücke, die man in der frühesten Jugend empfing, Charaktereigenschaf-ten, die man Eltern und Vorfahren mitbekam, auch das Temperament, das ei-nem vererbt wurde, die Lebensumstände, mit denen man kämpfen, denen xxxgegenüber man sich durchsetzen musste, das Maß von Willen, Energie undFleiß, mit dem man an sich arbeitete, bilden zum Schluss die Summe, diezum Werden einer Persönlichkeit führen. Der Rückblick auf ein Lebenzwingt wohl immer zur Prüfung und Sichtung der verschiedenen Umständeund Faktoren, die von früher Zeit her in einem Werden mitbestimmend ge-wesen sind. So muss jede Lebensbeschreibung auch bei der Kindheit, imElternhaus, bei den Eltern beginnen."
Aber in welche Zeit hinein war sie geboren worden? Was war da, ohne ihrzwar bewusst zu sein, xxx aber ihrem Dasein den ersten und entscheidendenStempel aufdrückte? In Welche politischen, wirtschaftlichen, gesellschaft-lichen Verhältnisse xXXXXXXX***@* я䤤¤¤xxякаяя bestimmten das Leben der** x* x Mitmenschen bei ihrer Geburt? Und damit auch ihr eigenes Leben?Jetzt, 1950, im Alter von 71 Jahren, war es vielleicht gut, sich die Zeitvor achtzig Jahren noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, um sich selbstin seiner Entwicklung besser zu verstehen.
Acht Jahre vor der Geburt von Marie Juchacz , war der deutsch - französischeKrieg durch den Frieden vom 10. Mai 1871- nach dem Vorfrieden vom 26.Februar in Versailles.- zu Ende gegangen. Zu dieser Zeit gab es achtStädte mit mehr als hunderttausend Einwohnern. 50% der Bevölkerung ar-beiteten bereits in Industrie und Handel. Allein in Preussen gab es biszum Ende der Gründerjahre, bis 1874, 1152 Aktiengesellschaften mit einemGesamtkapital von 5 Milliarden, 712 Millionen Mark. Die" innere Völker-wanderung" war im Gange: die jüngere Generation und das Gesinde aus demagrarisch orientierten Osten Deutschlands wandert in die grossen Städteund Industriezentren. Auf der anderen Seite wandern Millionen Deutscher