Akte 
Korrespondenz: Fritzmichael Röhl
Entstehung
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Mit diesem Vorwort wollte Marie Juchacz ihre Lebenserinnerungen einlei-ten. Bevor sie mit der Niederschrift begann, notierte sie alles, was ihran Stichworten einfiel, um diese Notizen dann im Laufe der Zeit zu Einzel-

, ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus Amerika ,

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abschnitten zusammenzufassen. Viel Zeit dafür blieb ihr nicht, denn das,was im Nachkriegsdeutschland knapp zwei Jahre nach der Währungsreformpolitisch, wirtschaftlich und sozial neu erstand und zusammenwuchs, nahmihr ganzesInteresse in Anspruch. Sie reiste durch das Bundesgebiet,war heute in Hamburg , morgen in Berlin , und wenige Tage später in Düssel­ dorf und Bonn , um an Besprechungen, Konferenzen, Tagungen und Veranstal-tungen teilzunehmen, hielt kurze und längere Referate, besuchte Freunde,von denen sie sechszehn Jahre lang durch die Emigration getrennt war, nahmwenn auch oft nur am Rande zu den Problemen Stellung, mit denen sichdie nach dem Zusammenbruch aus dem Nichts wiedererstandene" Arbeiterwohl-fahrt" ihr eigentliches Lebenswerk, den sie schon 1945 von Amerika auszu neuer Betätigung verhalf-auseinandersetzen musste, und schrieb dasBuch" Sie lebten für eine besser Welt",>

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Lebenbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts,29 Kurzbiographien, die in ihrer Gesamtheit ein geschlossenes Bild dersozialistischen Frauenbewegung geben. Diesem Buch ist ein Brief vorange-stellt, den der jüngst verstorbene Chefredakteur des sozialdemokrati-schen" Vorwärts" und jahrzehntelanger Mitstreiter und Parteifreund vonMarie Jchacz an sie schrieb:

" Als Du mir das Manuskript zu lesen gabst, empfand ich es sofort als ei-nen Mangel, dass von Dir selbst darin nicht die Rede ist. Du hast dasBuch dem Andenken Deiner Mitkämpferinnen. gewidmet, die vor Dir dahinge-gangen sind, aber so streng lässt sich die Grenze zwischen Leben und Todnicht ziehen. Eine Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung in Bi-ographien ist unvollständig, wenn darin Marie Juchacz nur als Erzählerin,nicht auch als Handelnde in Erscheinung tritt."

Noch bevor Marie Juchacz die Fülle ihrer Notizen zu einer geschlossenenAutobiographie zusammenstellen konnte, um damit am Beispiel ihres eige-nen Lebens ihren Beitrag zu leisten zur Geschichte der sozialistischen Frauenbewegung im allgemeinen, und im besonderen zur Entwicklungsge-schichte der" Arbeiterwohlfahrt, machte sie, vierzehn Tage vor ihrem 77.Geburtstag, am 28. Januar 1956 für immer die Augen zu.

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Die von Marie Juchacz nur zum Teil zusammengefassten Darstellungen ein-zelner Lebensabschnitte und die Fülle ihrer hinterlassenen Notizen erga-ben nach chronologischer Ordnung das biographische Gerüst, das mit demWissen und den Erzählungen von Freunden, Mitarbeitern und Angehörigenausgefüllt wurde. Aus der Gesamtheit dieser Unterlagen entsteht das Bildeiner Frau, die sich vorbehaltlos in den Dienst der von ihr selbst gewähl-ten und erarbeiteten politischen Aufgabe stellte, die ihr Herz der" Ar-beiterwohlfahrt" gab- und nicht von ungefähr stehen die Initialen der" AW" in einem Herzen"-, und deren wirkliches Herz nur wenige kannten.