Кирец
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burschen in die enge Dachwohnung aufgenommen hatte, einen Schuhmacher,der mit seinem geringen Mietgeld zum Lebensunterhalt des Bauunternehmers.Friedrich Theodor Gohlke und sener dreiköpfigen Familie beisteuerte. DasSortenLeid des Ehepaares wuchs mit den heranwachsenden Kindern Otto, Minna undFranz. Während Otto sich zu einem kräftigen Jungen entwickelte, der ohnejede Aufforderung dem Vater zur Hand ging, wurde die kleine Minna immerstiller, und der kränkelnde Franz immer unruhiger. Otto, fünf Jahre alt,kümmerte sich um den Haushalt und seine Geschwister und half der sichlangsam erholenden Mutter, wenn Vater aus dem Haus war, um kleinere Zim-mererarbeiten auszuführen. Mit verbissener Hartnäckigkeit versuchte Frie-drich Theodor Gohlke, sein Bauunternehmen wieder anzukurbeln. Er war einguter und gewissenhafter Handwerker, dem man gerne solide Aufträge an-vertraute. Als er vor zwei Jahren nach Hause kam, mit dem Auftrag in derTasche, für ein dreistöckiges Haus in der Landsberger Friedrichstadt , di-rekt an der Hauptstrasse, alle Holzarbeiten auszuführen, die Balken zulegen und den Dachverband anzufertigen, und mit der frohen Nachricht indie Dachwohnung platzte, fand er eine verstörte Familie vor. Henriette,seine Frau, sass weinend neben dem selbstgezimmerten Bett des kleinenFranz ,, und Otto hielt schluchzend die Hand der kleinen Minna, die er un-unterbrochen streichelte. Dr. Brate packte gerade die Instrumente.ein,mit denen er die Kinder untersucht hatte, zog Theodor Gohlke auf denGang, machte die Türe hinter sich zu, behutsam und leise, wie es dem Ernstder Lage entsprach, und sagte etwas salbungsvoll:" Herr Gohlke, da lässtsich nicht mehr viel machen. Ihre Tochter ist unheilbar augenkrank, inspätestens vier Wochen wird sie völlig erblindet sein, und Sie werden eszu tragen wissen, wenn ich Ihnen sage, dass Ihr Sohn Franz es wahrschein-lich nicht überstehen wird. Die Lungen sind zerstört, das Herz ist ka-putt, der ganze Organismus funktioniert nicht mehr. Auch operativ lässtsich da nichts mehr richten. Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen,aber Sie als Familienoberhaupt müssen die Wahrheit wissen. Ihre Frauweiss nicht, wie schlimm es um den Jungen steht. Ich wünsche Ihnen Kraftfür die nächste Zeit, und rufen Sie mich, wenn Sie es für nötig halten."
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Als unten die Haustüre längst hinter Dr. Brate ins Schloss gefallen war,stand Friedrich Theodor Gohlke noch immer auf dem zugigen Gang der Dach-wohnung, fassungslos über diesen Schlag, der alle Zukunftspläne über den2) was über Preissig JahreHaufen warf. Und wie würde Henriette,
alt, damit fertig werden? Kraft für die nächste Zeit hatte Dr. Brate ihmgewünscht. Ausser dieser Kraft brauchte er Geld, sehr viel Geld, und denMut zu einem Optimismus, der zwar seinen Sohn Franz nicht mehr rettenund seine Tochter Minna nicht sehend machen, wohl aber den Fortbestandseiner Familie garantieren könnte.