Akte 
Korrespondenz: Fritzmichael Röhl
Entstehung
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15. März

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Der feuchtkalte Grippewind, der an diesem Samstagmorgen durch dasBrandenburger Tor blies und die Linden herunterpfiff, steckte nichtnur der Wachtruppe, ixx************ die zur Ablösung zum Schloss mar-schierte, in den Knochen. Die 1,1 Millionen Einwohner der Hauptstadtdes Deutschen Reichs und der drittgrössten Stadt Europas waren mit ih-ren eigenen Sorgen beschäftigt, das Schauspiel der Wachablösung warkein Schauspiel mehr, sondern gehörte zum Alltag, wie die seit zehnJahren aufgebauten Gaskandelaber, wie der seit neun Jahren gewonneneKrieg gegen Frankreich , und wie das vor einem Jahr ausgearbeitete So-zialistengesetzt" wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozial-demokratie".

Nur wenige Passanten waren in gebührend respektvoller Entfernung ste-hengeblieben, unter ihnen Bürgermeister Anker aus Landsberg an der War­ the , ein aufrechter und tüchtiger Mann, der um das Wohl seiner aufstre-benden kleinen Stadt sehr bemüht war und des öfteren nach Berlin kam,um sich Anregungen, Ratschläge und Hilfe für seine Pläne zu holen. Biszur Abfahrt seines Zuges war noch eine gute Stunde Zeit. Er wollte sichgerade aus dem kleinen Haufen herauslösen, um in der Klosterstrasse 70im Grünen Baum seinen kleinen Koffer abzuholen und sich von den Besitzer,seinem Freund N euendorff, zu verabschieden. Die markante, schneidendeBefehlsstimme des Wach- Offiziers hielt ihn zurück. Bürgermeister Ankerkonnte das, was ihm blitzschnell durch den Kopf ging, nicht zu Endedenken, warum nämlich preussische Offiziere ab Lieutenant aufwärts einemarkante und schneidende Stimme haben mussten, obwohl das in keinerDienstvorschrift festgelegt war. Der Wachhabende hatte sich vor den Offi-zier gestellt, in strammer Haltung, die Hand erhoben, und Meldung gemacht.Nach der Meldung bekam er den Arm nicht mehr herunter. Der Wachoffizierkam einige Schritte auf den Wachhabenden zu, blieb breitbeinig stehen,stemmte die Fäuste in die Hüften, hob die rechte augenbraue, sodass dasan einem silbergrauen Faden befestigte Monokel herunterfiel, und fuhr denVerdutzten an:" Sagen se mal, was wollnse denn mit dem rechten Arm in derLuft? Sie sind doch keen Vogel! Krieje wern auf der Erde jewonnen, undnich in der Luft, verschtanden?"

Diese Stimme kenne ich doch!, sagte sich Anker, und verspürte plötzlicheinen stechenden Schmerz im Oberschenkel, an der Xkxkka Narbe, die ihmvom glorreichen Krieg 1870/71 als Erinnerung geblieben war.

Bürgermeister Anker sass im Abteil seines Zuges nach Landsberg und musstean den Major denken, an den damaligen Leutnant von Knobelsdorff , der sich