Akte 
Korrespondenz: Fritzmichael Röhl
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

-2-

für ein grosses geistiges Licht hielt, weil der alte Herr Geheimrat vonGoethe sich einmal in eine seiner Vorfahren, in ein achtzehnjähriges Mäd-chen, verliebt hatte. Dieser Trottel! Nicht der Goethe, der Knobelsdorffnatürlich.

Bürgermeister Anker hatte sich einen ganzen Haufen Lektüre mitgenommen,um die lange Fahrt besser hinter sich zu bringen ,, aber der Zwischenfallbei der Wachablösung hatte Erinnerungen lebendig werden lassen, die ihnso sehr in Anspruch nahmen, dass ihm zu heiss wurde in seinem Paletot.Nachdem er Rock und Weste aufgeknöpft hatte, um mehr Luft zu haben, fühl-te er sich leichter. Als er 1871 nach dem glorreichen Feldzug mit einerVerwundung nach Landsberg an der Warthe zurückkehrte, hatte er noch nichtden kleinen Bauchansatz, der ihm jetzt das Atmen schwerer machte. DieseVerwundung hätte man ihm ersparen können. Es war der 28. Januar 1871, Pa­ ris war ausgehungert und zur Übergabe bereit. Da schickte ihn ein gewisserLieutenant von Knobelsdorff mit einer privaten Botschaft und mit einerFlasche Wein zu einem befreundeten Offizier in einen vorgeschobenen Bat-teriestand. Woher der Schuss kam, der ihm den rechten Oberschenkel durch-schlug, ist ihm bis heute nicht klargeworden. Es war der allerletzteSchuss, der in diesem Kriege fiel, und für den jetzigen Bürgermeisterstand es schon damals fest, dass es für ihn auch der letzte Krieg war, andem er teilnehmen würde. Er war der 113 226. Verwundete dieses Kriegesund demzufolge heilfroh, nicht zu den 41000 Toten zu gehören. Mit der Ver-wundung wurde er im Laufe der Zeit fertig, indem er seine geistigen Kräfteschulte, sich für kommunale Probleme interessierte und bis zum Bürgermei-ster hinaufarbeitete. Er war kein Sozialdemokrat, beillibe nicht. Sie wa-ren nach seiner Meinung zu schroff, zu renitent, stellten Forderungen, diesich niemals so schnell, wie die Sozialisten es sich vorstellten, verwirk-lichen liessen. Ausserdem machten eie nach seiner Meinung einen grossenFehler, indem sie glaubten, die nicht abzuleugnenden Übelstände xxfxdxs* x* x* x* x* in der sozialen Schichtung der grossen Städte auf das ganzeLand beziehen zu müssen. Der Geheime Regierungs- Rat Dr. Meitzen hatte ihmgerade in Berlin eine Aufstellung übergeben, nach der die ländliche Be-völkerung Preussens aus ungefähr 6 Millionen Eigentümern und 2 MillionenTagelöhnern besteht.

Mit einiger Mühe holte er den Koffer herunter, der im wesentlichen Zei-tungen, Zeitschriften und Bücher enthielt, stellte ihn hehen sich aufdie Holzbank, und wühlte in den gedruckten Kostbarkeiten, die er sich inBerlin zusammengetragen hatte. Das oben liegende neue Militarhandbuch fürdas Jahr 1879 und das Hof- und Staatshandbuch legte er unbesehen zur Sei-te. Die" Landwirtschaftliche Zeitung für das nordöstliche Deutschland ",die sich mit der Steigerung der Einfuhren von amerikanischem und russi-schem Getreide beschäftigte, sagte in ihrem Hauptartikel genau das, was