Akte 
Korrespondenz: Fritzmichael Röhl
Entstehung
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auch seine Meinung war:" Wir können die Lage der Landwirtschaft durchausnicht für eine so traurige halten. Die Konkurrenz des getreideproduzie-renden Auslandes richtet uns nicht zu Grunde."- Es gab Dinge, die weit-aus erschütternder waren: in der ungarischen Freistadt Szegedin an derTheiss war ein Unwetter niedergegangen, der Fluss war über die Ufer ge-treten, orkanartige Stürme hatten Bäume entwürzelt, Häuser niedergerissen,Menschen und Vieh kamen in den Fluten um, und die letzten Depeschen, dieBürgermeister Anker in Berlin zu lesen bekam, sprachen von 5000 zerstör-ten Häusern und Hunderten von ertrunkenen Erwachsenen und Kindern. Samm-lungen von Spenden in allen Ländern Europas wurden veranstaltet, um zuhelfen. Der österreichische Kaiser hatte sich gerade heute von Wien ausnach Szegedin begeben, und sein Innenminister" hat in sämmtlichen imReichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern eine öffentliche Samm-lung milder Beiträge zur Unterstützung der in Folge der Überschwemmungenverunglückten und hilfsbedürftigen Bewohner der Freistadt Szegedin's an-geordnet."- Bürgermeister Anker war in einer misslichen Lage. SeineStadt Landsberg sollte sich an der Szegedin - Sammlung beteiligen. auf deranderen Seite hatte man ihm in Berlin einen Bericht in die Hand gedrückt,der eindeutig bewies, dass es in Deutschland ohne Flussüberschwemmungenund Orkane genug Not und Zlend gab. Wo hatte er nur den Artikel hinge-legt? Er durchwühlte den Koffer, ohne ihn zu finden, hatte schliesslicheine Broschüre in der Ha nd mit dem Titel" Die arbeitsschule als organi-scher pestandteil der Volksschule", von einem gewissen Schwab geschrie-ben, und fand den aus einer Zeitung herausgeschnittenen Artikel zwischenden Seiten der Broschüre. In aller Ruhe las er noch einmal durch, was erheute in aller Frühe nur überfhagen hatte:" Kaltblütige Menschen machenuns zum Vorwurf, dass wir das Mitleid für Fremde angerufen, während Nothim eigenen Lande walte und sie rathen uns mehr Vorsicht beim Wohlthundort an, wo Selbstverschuldung das Unglück mit herbeiführte. Als dergrosse Brand Hamburg zerstörte, als der Nationalkrieg mit Frankreich dieLazarethe mit Verwundeten und Kranken füllte, da flossen Gaben aus derganzen Welt zur Milderung des Elends diese internationale Kundgabe derBarmherzigkeit ist eine der schönsten Früchte der modernen Gesittung, ihrwollen wir getreu bleiben. Aber nicht bloss für die unglücklichen Be-wohner Szegedins, auch für die von Hungersnoth schwer betroffenen Bewoh-ner des Spessart rufen wir das öffentliche Mitleid wach. Kein Brod, kei-ne Kartoffeln, kein Salz im Hause, blutarm die Kinder, sieht der Hungerdem Volke zu den Augen heraus und in stummen Kummer starrt die Bevölke-rung vor sich hin, entkräftet, muthlos, zu schwach schon fast zur Arbeitgeworden. Dringende Hilfe ist nöthig, die nothleidenden Gemeinden müssenunterstützt, über die nächsten Wochen hinweggebracht, ihnen die Mittel

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