Akte 
Korrespondenz: Fritzmichael Röhl
Entstehung
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verschafft werden, ihre Felder zu bestellen und sie vor Krankheit undvölligem geistigem wie leiblichem Verderben zu retten." BürgermeisterAnker wollte gerade den Artikel zur Seite legen, als sein Blick auf eineMeldung aus dem Reichstag fiel:" Berlin , 15. März 1879. Der Reichstag nahm in der dritten Lesung die internationale Convention über die Massre-geln gegen die Reblaus an, erledigte in erster Lesung das Vogelschutz-gesetzt und beschloss die 2. Lesung im Plenum. Hierauf wurde die Etatsberatung über Zölle und Verbrauchssteuern fortgesetzt. Die Tarifkommissionbeschloss heute über die Tarifsätze für Baumwollengarne unter Erhöhungder Zölle für die feineren Nummern. Die erste Lesung wird voraussichtlichnoch zwei Sitzungen ausfüllen."

Etwas erschöpft lehnte sich Bürgermeister Anker zurück, um den Gedankennachzuhängen, die seit heute früh über ihn hereinbrahhen, ohne richtigzu Ende gedacht zu werden. Was war an einem einzigen Tag, wie an diesem15. März, nicht alles los! Herr Petran, wohnhaft in den königlichenWeinbergen nächst Prag , warnte in deutschen Zeitungen vor chemisch zube-reitetem Bier, die Indianerin Miss Zenobia würde heute Abend ihr Deutsch­ land - Gastspiel mit einem Auftritt im Münchener Thalia- Theater in der Pos-se" Die Studenten von Rummelstadt" beginnen und auch nach Berlin kommen,vielleicht sogar verwegener Gedanke! nach Landsberg ,-in Strassburg hatten die Abgeordneten Grad, Fulter und Rudolf bei der Regierung durch-gesetzt, dass in Deutschland erlaubte Zeitungen und Publikationen auch inElsass- Lothringen verbreitet werden dürfen,-in Berlin wird der sogenanntekleine Belagerungszustand verhängt, weil der sozialistische AbgeordneteWilhelm Liebknecht beim Ausbringen des" Lebehoch" auf den Kaiser sitzen-blieb,-in Würzburg erschiesst der Unteroffizier Karl Rude den StudentenSicke, und Carl Stangens Reisebureau in der Markgrafenstrasse 43 inBerlin W bereitet eine grosse Gesellschaftsfahrt nach Italien vor, überMünchen , Verona , Mailand , Genua , Rom , Neapel , Sorrent , Amalfi, Capri, Ve­ suv , Florenz , Bologna , Venedig , Wien , Berlin , Dauer: 42 Tage, Preis:1250 Mark.

Vielleicht sollte man sich doch etwas intensiver mit den sozialistischen Ideen beschäftigen. Was diese Leute zum Beispiel als Schulreform forder-ten, hatte Hand und Fuss. Schon seit längerer Zeit war ihm klargeworden,dass das Unterrichtswesen immer mehr zur seelenlosen Maschine eines ein-seitig intellektualistischen Zeitalters geworden war." Gesinnungsunter-richt im Dienste der herrschenden Klasse", so nannten es die Sozialisten.In Berlin hatte er erfahren, dass ein Teil der Jugend sich bereits bewusstvon diesem Drill- Betrieb abwandte, dagegen rebellierte, ohne allerdingsetwas zu erreichen. Der Abgeordnete von Schendorff, mit dem er sich da-rüber unterhalten wollte, war leider verhindert. Er sässe, so sagte manihm, gerade an einer grossen schriftlichen Arbeit, die sich mit der För-