Akte 
Korrespondenz: Fritzmichael Röhl
Entstehung
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Als die fünfzehnjährige Marie an einem dieser bewegten Tage, der dasSchicksal der Fabrik und vieler arbeitenden Frauen besiegeln sollte,müde und zerschlagen nach Hause kam, war Mutter Henriette mit ihrerTochter nicht zufrieden. Dem Mädchen wollte das Essen nicht schmecken,sie kümmerte sich was sie sonst immer gemacht hatte- an diesem Abendauch nicht um die kleine Elisabeth, die sich Vaters schönsten Zeichen-bleistift" entliehen" hatte, un vor dem Zubettgehen noch( so nannte esLisbeth)" Briefe zu schreiben". Gerade in diesen ersten Schultagen derkleinen Elisabeth hatte Marie das Bedürfnis, der Schwester an die Handzu gehen. Das aufgeweckte Kind machte ihr grossen Spass, und man konntesich mit der Sechsjährigen schon ausgezeichnet unterhalten. Aber die Pro-bleme, mit denen sich Marie an diesem Abend abquälte, waren nichts fürLisbeths Plappermund. So sass Marie mit einer Arbeit im Schoss da, sahder Mutter zu, wie sie in der Küche erkte und für Otto, der bald nachHause kommen würde, das Essen fertigmachte.

Auch Otto merkte sofort, dass mit Marie etwas nicht stimmte. Als Muttereinen Augenblick aus der Küche ging, fragte Otto vorsichtig:" Was Schlin-mes, so wie neulich?"

Marie lief zuerst feuerrot an, fing sich aber sofort und sagte schnell,da sie die Mutter zurückkommen hörte:" Nein, was Soziales- oder auchPolitisches. Vielleicht weisst Du was davon?! Wir geh'n nachher nochein Stück spazieren, dann frag ich Dich."

Mutter wunderte sich zwar, dass Otto nach ihrem feinen Gehör etwas zunebenbei Marie aufforderte, noch einen Sprung an die Luft zu gehen, abersie hatte nichts dagegen, wenn der nun 22 Jahre alt werdende Otto seinerSchwester Marie etwas über den Ernst des Lebens sagen würde. Brüder kön-nen das vielleicht besser als Mütter und Väter, dachte sie sich.Auf der Strasse erzählte Marie, was sich in der Fabrik ereignet hatte,mit allen Einzelheiten, und meinte abschliessend:" Du bist doch schoneine Weile Sozialdemokrat, vielleicht ist das was Sozialdemokratisches.was erst einmal so sein muss, damit es nachher anders ist."" Ganz so ist das nicht, Marie, aber ein bisschen stimmt's. Das sind ver-schiedene Interessen, die da aufeinanders tossen. Verstehst Du das?"" Natü rlich verstehe ich das: der eine will was, und der andere will wasanderes, und daraus entstehen Gegensätze."" Richtig, und Du weisst doch, dass die Wirtschaft und die Industrie jetzteinen mächtigen Aufschwung haten Jberall entstehen Fabriken und neue Be-triebe, in die immer mehr Menschen hineingehen. Diese Menschen verdienernun Geld, aber man gerade so viel, dass sie schlecht und recht leben können. Ich habe Dir doch schon mal davon erzählt, vor einem Jahr, als ichvon der Militärausbildung zurückkam."

" Da war ich doch eret vierzehn Jahre alt, Ottop"