15. dr. z 1879
Der feuchtkalte Grippewind, der an diesem Samstagmorgen durch dasBrandenburger Tor blies und die Linden herunterpfiff, steckte nichtnur der Wachtruppe, ixxdxxx die zur Ablösung zum Schloss mar-schierte, in den Knochen. Die 1,1 Millionen Einwohner der Hauptstadtdes Deutschen Reichs und der drittgrössten Stadt Europas waren mit ih-ren eigenen Sorgen beschäftigt, das Schauspiel der Fachablo ung warkein Schauspiel mehr, sondern gehörte zum Alltag, wie die seit zehnJahren aufgebauten Gaskandelaber, wie der seit neun Jahren gewonneneKrieg gegen Frankreich , und wie das vor einem Jahr ausgearbeitete ro-zialistengesetzt" wider die geneingefahrlichen Bestrebungen der Sozial-demokratie".
Nur wenige Passanten waren in gebührend respektvoller Entferming ste-Hengeblieben, unter ihnen Bürgermeister Anker aus Landsberg an der War the , ein aufrechter und tüchtiger Mann, der um das ohl seiner aufstre-benden kleinen Stadt sehr bemüht war und des öfteren nach Barlin kam,um sich Anregungen, Ratschläge und Hilfe für seine läne zu holen. Biszur Abfahrt seines Zuges war noch eine gute Stunde Zeit. Er wollte sichgerade aus den kleinen Haufen herauslösen, um in der Klosterstrasse 70in Grünen Buum seinen kleinen Koffer abzuholen und sich von dem Jesitzer,seinem Freund Neuendorff, zu verabschieden. Die markente, ecumeidendeBefehlsstimme des Wach- Offiziers hielt ihn zurück. Bürgermeister Ankerkonnte das, was ihm blitzschnell durch den Kopf ging, nicht zu Endedenken, warum nämlich préussische Offiziere ab Lieutenant aufwärts einemarkante und schneidende Stimme haben mussten, obwohl das in keinerLehtvorschrift festgelegt war. Der Wachhabende hatte sich vor den Offi-zier gestellt, in strammer Haltung, die Hand erhoben, und meldung gemacht.Nach der Meldung bekam er den Arm nicht mehr herunter. Der Nachoffizierkam einige Schritte auf den Nachhabenden zu, blieb breitbeinig stenen,stemate die Fäuste in die Hüften, hob die rechte Augenbraue, sodass dasan einem silbergraden Faden befestigte Monokel herunterfiel, und fuhr denVerdutaten an:" Sagen se mal, was wollnse denn mit dem rechten Arm in derLuft?! Sie sind doch keen Vogel! Krieje wern auf der rde jewonnen, undnich in der Luft, verschtanden?"
Diese Stimme kenne ich docht, sagte sich Anker, und verspürte plötzlicheinen stechenden Schmerz im Oberschenkel, an der kaxkx Narbe, die ihmvou zlorreichen Krieg 1870/71 als Erinnerung geblieben war.