Akte 
Korrespondenz: Fritzmichael Röhl
Entstehung
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So is t d a s

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Leben

Der Sommer des Jahres 1894 hrabhte gleich zu Beginn drückend heisseTage in Landsberg an der Warthe . Friedrich Theodor Gohlke hatte denPian, in die Küstrinerstrasse 50 umzuziehen, zwar verwirklichen können,aber leider nicht so, wie er sich das ursprünglich vorgestellt hatte.Als er vor 15 Jahren über die Warthebrücke polterte, um seiner TochterMa rie den ersten Willkommens gruss auf dieser Welt zu sagen, hatte ersich in Gedanken als alleiniger Bewohner eines Hauses gesehen, mit allem,was dazugehört, um eine vierköpfige Familie gut über Wasser zu halten.Es war aber leider anders gekommen. Jetzt war man durch Elisabeth, dieseit einigen Wochen schon zur Schule ging, auf fünf Personen angewachsen.Andererseits hatte Otto eine gute Lehre hinter sich gebracht und war Va-ters bester Helfer geworden, trotz einiger Dummheiten, die nun einmalvon jungen Männern im Alter zwischen 18 und 22 Jahren gemacht werden.Marie hatte die Schule hinter sich gebracht und stand vor dem Problem,Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Vor einem Jahr war sie, weilsich das so gehörte, mit allem Drum und Dran eingesegnet worden. Lisbethhatte mit ihren hungrigen fünf Jahren zu viel Kuchen gegessen und sichden Magen verdorben, und Otto stand vor der wichtigen Aufgabe, sich da-rüber klar zu werden, an wen er nun sein Herz verloren hatte, an Marie-chen Meier, die im gleichen Hause wohnte, oder an Anna Gottschlink, dieschon in Amerika war, was Otto natürlich sehr imponierte. Die Brüder vonAnna, Paul und Otto Gottschlink, brachten es fertig, dem kreuzbraven OttoGohlke klarzumachen, dass das, was er da vorhabe, eine grosse Dummheitsei. Ausserdem sei die Anna ja auch viel älter als er.- Das war nunseit einem Jahr überstanden, genau so wie der Brand, der in Vaters Neu-bau entstanden war und bei dem alle Zeichnungen und Pläne mitverbrannten.Obwohl Otto nicht viel los hatte im Plänezeichnen, brachte er es fertig,alle Unterlagen wieder zusammenzuzeichnen. Er hatte sich niemals vorge-drängelt, schon früher nicht, wenn es darum ging, den Lohn zu kassieren.Er, Otto, war damals auch dabei schon der Letzte, obwohl es ja sein Vaterwar, der auszahlte. Einmal war er allerdings der Erste. Als VaterGohlke die Dachwohnung in der Küstrinerstrasse 50 mietete und man dabeiwar, Hab und Gut aus dem Haus des Fischhändlers herunterzutragen, auf denWagen zu laden und abzufahren, hatte doch der Schlafbursche, der Schuh-macher, der noch immer der Familie Gohlke am Rockzipfel hing, seinenKram heimlich mit dazugeladen, in der Annahme, dass er ebenfalls in dieKüstrinerstrasse umziehe. Noch nie war Otto jähzornig oder кж******hatte unüberlegt gehandelt. Als er den Krempel des Schuhmachers entdeck-te, feuerte er die Sachen mit einem solchen Schwung herunter, dass die