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" Und jetzt biste fuffzehn, arbeitest in de Fabrik, und bist'n erwachse-nes Meechen!"
Bei solchen reststellungen mit kategorischem Akzent verfiel Otto in denberlinerischsten Tonfall, obwohl er sich meist bemühte, bei wichtigen Ge-sprächen hochdeutsch zu reden.
" Ich habe Dir doch damals erzählt, dass ich Sozialdemokrat geworden bin.Weisst Du denn noch was von Erfurter Programm?"
" So ein bischen weiss ich noch, vom kapitalistischen Privateigentum, ausdem man gesellschaftliches Eigentum machen muss."
" Aber nicht das ganze Privateigentum, Marie! Das wäre ja Enteignung. Nein,nur das kapitalistische Eigentum, das die Kapitalisten aus der Produktionherausziehen. Aber an der Produktion sind wir als Arbeiter doch genau sobeteiligt!"
" Nenn' mir doch ein Beispiel, Otto. Dann verstehe ich das besser."" Sieh mal, Ihr macht in Eurer Fabrik Netze und Gardinen. Die werden ver-kauft. Die Netze werden an Fischer verkauft, und sind garnicht mal sobillig. Der Fabrikbesitzer verdient so viel damit, dass er sehr vielGeld hat, um sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Der Fischerbraucht aber die Netze, um damit Fische zu fangen und zu verkaufen, daniter leben kann."
" Aber wenn der Fischer die Fische verkauft, bekommt er doch auch Geld da-für!"
" Nicht so viel wie der Fabrikbesitzer für seine Natze."
" Und wenn er die Fische teurer verkauft, bekommt er doch mehr Geld?"" Die kann er nicht teurer verkaufen, weil ihm die dann keiner mehr ab-nimmt, und dann verdient er überhaupt nichts."
" Das verstehe ich nicht ganz. Aber dann ist der Fischer kein Kapitalist?"" Nein, aber der Besitzer der Faorik, in der die Fische zu Konserven ver-arbeitet werden, der ist Kapitalist."
" Dann sind Fabrikbesitzer Kapitalisten?"
" So ungefähr. Und deshalb kämpfen die Sozialdemokraten dafür, dass dieArbeiter an den Gewinnen der Produktionsmittel beteiligt werden. Deshalbsoll der Achtstundentag eingeführt werden, und zwar überall in der gan-zen Welt. Dann gibt es Frieden in der ganzen Welt. Und deshalb ist der1. Mai zum Weltfeiertag erklärt worden."
" Achtstundentag, sagst Du. Das gilt dann auch für die Frauen?"
" Selbstverständlich! Wir Sozialdemokraten kämpfen ja auch für die Gleich-berechtigung der Frau."
" Sag mal, Otto, gibt es darüber eigentlich Bücher?"
" Ne ganze Masse, von August Bebel , von Wilhelm Liebknecht , Karl Kautsky ,Franz Mehring , Vollmer, Singer und wie sie alle heissen."
" Möchte ich gerne mal lesen, Otto.