Akte 
Persönliche Korrespondenz
Entstehung
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ed

Frau

Lotte Lemke

Arbeiterwohlfahrt

Hauptausschuss

Dottendorfer Strasse 168Bonn/ Rhein

14. Dezember 1956.

K

A

Liebe Lotte Lemke,

vielen Dank für das nachgeschickte Exemplar" Neues Beginnen".In Düsseldorf war ich auch bei Lotte Juchacz, der ich die Grüssebestellte. Ich wollte von ihr eine grundsätzliche Einstellung wis-sen, die aber nicht zu erhalten war, obwohl Lotte sehr grundsätz-lich" tat". An sich ist sie grundsätzlich dagegen, dass etwas ver-öffentlicht wird, gleichgültig in welcher Form. Andererseits istsie grundsätzlich garnicht dagegen, dass etwas veröffentlicht wer-den soll." So lange ich lebe, geschieht nichts ohne meineGenehmigung", so sagte sie zu Beginn unserer Unterhaltung wärtlich.Zum Schluss erklärte sie sich damit einverstanden, dass das Materialgesichtet, geordnet und ergänzt wird. Darin sieht sie meineAufgabe.

Eigentlich könnte ich jetzt folgendes vorschlagen: wir warten, bisLotte Juchacz, Lotte Lemke , Käthe Kirschmann, Fritzmichael Roehl, unddie vielen anderen, die noch sehr viele wertvolle Details beitragenkönnten, gestorben sind, packen das von mir geordnete Material zusam-men, versiegeln es, und hinterlassen notariell, dass zu unseren Leb-zeiten keine Einigung möglich war. Irgendwer kann dann im Jahre 1980das versiegelte Paket aufschnüren und damit das anfangen, was erfür richtig hält. Uns Tote stört dann ja nichts mehr.

Allen Ernstes: soll ich jetzt in die blaue Luft hinein arbeiten? Ma­ rie Juchacz gehörte nicht ihrer Tochter Lotte Juchacz, sondern sie ge-hörte uns allen, gleichgültig, ob sie" privat" aus sich herausging odernicht, ob sie bewusst zu ihren Lebzeiten alles vermied, um biographi-sche Unterlagen zu sammeln, so wie es- · laut Lotte Juchacz- alle Gros-sen getan haben. Man muss doch die Kirche im Dorf lassen! Und wenn Lot-te Juchacz meint, dass man ein Zerrbild schafft, wenn man nicht auchdie vielen umstrittenen Dinge in diese Biographie mit hineinnimmt, unddass man deshalb niemals Marie Juchacz biographisch gerecht werdenkann und darf, weil man auf diese" umstrittenen" Dinge von vornhereinverzichten muss, dann ist meine grosse Cousine Lotte päpstlicher alsPius XIII.- Ausserdem bezweifle ich, ob Lotte Juchacz viele Biographi-en gelesen hat, gleichgültig, ob es" Robespierre" von Sieburg ," Ich,eine Tochter Maria Theresias"( ein Lebensbild der Königin Marie Karoli­ ne von Neapel , verfasst von Egon Caesar Conte Corti ), Hermann Braun ,Paul Löhe oder sonst wer war.

mington H