bitto
Bizonia
Lieber Emil,
30. September 1948.
es ist schön, endlich wieder einmal einen Brief an Dich direkt zuschreiben, obwohl in Gedanken hinter Deinem Namen die von der gros-sen Mutti und von Käthchen folgen. Abgesehen davon, dass die an gros-se Mutti addressierten Briefe ja immer für Euch alle waren.
Doch zuerst die Mitteilung, dass beide Luftpostbriefe der gr.M. vom11. und 12. Sept. ankamen, also auch der ohne vollständige Anschrift.Lieber Emil,- Dir zuallererst die herzlichsten Wünsche für die über-standenen Wochen und die endliche Genesung, die schon sehr schön fortgeschritten sein muss, denn ein vier- ein- halb Seiten langer Brief ko-stet einige Anstrengung sowohl körperlich als auch- bei Deiner gei-stigen Intensität by the head. Uns ist ein sehr grosser Stein vomHerzen gefallen, als wir Dich selbst wieder lesen konnten, und wirbilden uns ein, dass wir mit unseren ständigen stillen und deutliche-ren Wünschen auch etwas dazu beigetragen haben( lass uns diese Ein-bildung, sie macht froh).
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Dass Ihr von uns eine Weile nichts gehört habt, ist kein schlechtesZeichen, aber auch kein besonders gutes, denn unsere Tage sind mitEmsigkeit und Rastlosigkeit ausgefüllt. Wir jagen dem nach der Wäh-rungsreform schwer zu erkämpfenden täglichen Brot nach, mit allen da-zugehörigen Nebenkosten, haben es ganz ehrlich nicht leicht, aberunsere Arbeit macht uns nach wie vor Freude, wenn auch der labendeD- Mark- Segen nur tropfenweise fällt. Ich bin mein Ischias bis jetztlos, es waren aber sehr sonnige Spätsommer- und Herbstwochen, undWärme ist gegen Ischias immer noch ein gutes Mittel, zumindest keinneuer Anlass für neue Schmerzen. Ich muss mich nur vorsehen, wenn eswieder feucht und kühl wird. Ich habe etwas für Zeitungen geschrie-ben, ausserdem arbeite ich bei dem Trade- Paper" Der neue Film" mit.Der Rundfunk( der sehr anständig zahlt) bringt am 17. Oktober zweiSachen von mir, womit wir einige Oktober- Löcher zustopfen. Die Pen-sion von Marias Mutter muss die letzten Falten ausbügeln. Den Sep-tember haben wir überstanden, indem Maria die Kostümberatung für ei-nen Film durchführte, in dem Ellen Schwannecke( die 1933 über dieSchweiz nach Amerika emigrierte, dort eingebürgert wurde und jetztzum ersten Mal wieder vor einer deutschen Filmkamera steht) die Haupt-rolle spielt. Ausserdem malt sie gelegentlich eine Wand in Kinderzim-mern amerikanischer Familien mit bunten Walt- Disney- Bildern voll. Sokamen wir bis jetzt weiter. Und es geht auch weiter, und ginge nochbesser weiter, wenn die politische Lage nicht von Tag zu Tag ver-zwickter würde. Die Ost- West- Spannungen wirken sich mehr, als man wahrhaben möchte, auf die inner- westdeutsche wirtschaftliche Entwicklungals Hemmschuh aus.. Die meisten Menschen in Deutschland ausschliess-lich der Ostzone haben die Waehrungsreform begruesst, auch dann noch,als manche Unzulaenglichkeit bei ihrer Durchfuehrung sich herausstell-te. Wir sind viel, viel bereitwilliger zur Aufnahme vorübergehenderHaerten, als man uns von auslaendischer Seite im allgemeinen zutraut,nur: wir erwarten ein bestimmtes Mass von Vertrauen uns gegenueber,zumindest dasselbe Mass, dass wir einem bestimmten Ausland entgegen-bringen. Die Franzosen haben uns bisher durch ihren Chauvinismus ent-täuscht wir sind da durchaus Deiner Meinung, die Engländer waren