N.Y.
den 12. September 1948
Liebe Maria, lieber Fritz,
jawohl, Ihr seht ganz richtig. ICH schreibe diesenBrief. Wieso? und warum? Ich bin halt in der Stimmung und an der Shhreibmaschinesitzen, ist eine der ganz wenigen Beschaeftigungen, denen ich bis jetzt nachge-hen kann. Und darf. Doch darueber spaeter. Von Euch ict schon eine Weile nichtsmehr eingegangen. Ist das ein gutes?, ists ein boeses Zeichen? Wir hoffen sehr,dass Fritz von dem Ischi- aas nicht mehr gequaelt ist, dass die lange und wenigamuesante Periode im Krankenhaus wenigstens den Effekt gehabt hat. Und wuenschenund hoffen weiter, dass Maria good in health ist. Ohne diese Voraussetzung wirdman wohl kaum fertig mit den Schwierigkeiten, die durch Waehrungsreform und andere Notwendigkeiten, ohne die der Aufbau nicht moeglich ist. Mit der Waehrungs re-form sind eine Menge-nach meiner Ansicht vermeidbarer- unsozialer Massnahmen veknuepft. Warum die Wiederholung all der Fehler von 1923? So entnehmen wir ausBriefen, das lesen wir in den Polemiken Ex in den deutschen Zeitungen.Am haertesten sind wieder der kleine Mittelstand und die freischaffenden Be-rufe getroffen. Der Schnitt an sich war nicht nur unvermeidlich, sondern unbe-dingt noetig. Gesunde Finanzen sind halt immer noch die einzige Grundlage derWirtschaft. Und sie ist die Naehrmutter aller. ob direkt oder indirekt betei-ligt. Es geht auch nicht ohne Haerten. Aber die muessen moeglichst gerechtverteilt werden. Und gerade das scheint nicht geschehen zu sein. Pauls Reaktionunmittelbar nach der Massnah me war absolut positiv. Ebenso Lotte, wenngleichsie entsprechend ihrer ganzen Veranlagung- sich skeptischer und pessimistischeraeusserte. Ein abschliessendes Urteil ist noch nicht moeglich. Dazu muessen dieVorarbeiten, die jetzt in Bonn gemacht werden, xkx erledigt und die Spannungbetween the four big powers, die sich gegegvaertig um Berlin konzentriert, дæÌиgeloest sein. Ich glaube an ein Kompromiss. Wahrscheinlich wird die Wagschale xisich dabei zugunsten der Russen neiegen. Die haben eine politische Konzeption,die bessere strategische Situation und robustere Nerven. Ausserdem entscheidensie allein. Die Westmaechte koennen noch nicht einmal ueber Trizonia einig werdenDas mir hysterisch erscheinende Sicherheitsgeschrei der Franzosen hindert daran,Dabei wissen die Franzosen mit sich selbst nicht fertig zu werden. Der Francdroht wieder einmal ins bodenlose zu stuerzen. Und ausserdem: De Gaulle anteportas Mir tuts so leid um dieses schoene Land und die ausgezeichneten, gutenund kluegen Menschen, die wir dort kennen und lieben lernten. Die franzo esischeAdministration ist alt, faul, korrupt. Auch davon koennen wir ein Lied singen.Die Politcians dort sind ebenfalls ueberaltert, bequem, saturiert. Sie habenweder aus dem italienischen, noch dem deutschen Schicksal etwas gelernt. Ja nichaus dem eigenen. Die einzige Reaktion auf darauf, dass ihnen jahrelang der Nazikommiss- Stiefel im Nacken sass ist der wie gesagt hysterische Schrei nach" Sicherheit", basiert auf einer ziemlich willkuerlich gezimmerten sogenanntenhistorischen Grundlage. Am liebsten moechten wohl die immer noch sehr einfluss-reichen Militaers in der franzoesischen Politik eine neue Magino tlinie bauen,satt den Ausgleich zu suchen, der auf der Hand liegt. Auch da haben die Franzosenichts gelernt. Sie vergessen, dass der Aufstieg des Nationalismus nach dem letzten Krieg nicht zuletzt in ihrer falschen Politik gegenueber der Weimarer Republik lag. Nach Briands Tod hat in Frankreich keiner der buergerlichen Poli-tiker die Linie des Ausgleichs fortgesetzt. Die Sozialisten standen allein aufweiter Flur. Und so stehen sie heute noch.- Da ich nun schon einmal in die" Politik" abgerutscht bin-so, wie der kleine Motitz sich das vorstellt- willich noch ein bis'chen dabei bleiben. Nur mit einem kleinen Sprung zurueck ueberden Ozean. Wir naehern uns dem Wahltermin. Am ersten Dienstag im November waeh-len die Amerikaner nicht nur einen Praesidenten, sondern auch den halben Senatund alle Repraesentanten. Es ist ein sogenanntes Volljahr, dass sich alle vierJahre wiederholt. In den allerletzten Wochen sollen sich, wie Kenner behaupten,die Chancen fuer Truman etwas gebessert haben. Aber dennoch glaube ich, dass De-wey gewaehlt wird." It is time for a change" ist die allgemeine