Anfang 1948
Liebe Genossen, liebe Freunde:
Dieser Rundbrief soll viele Einzelbriefe abloesen, einige hundert. Ich kann nichtjedem einzelnen Freund schreiben, nicht mehr, es wird zuviel. Zeit und Kraft sindbegrenzt.
Mich hat sehr interessiert, was ich Euren Briefen entnahm, das Persoenliche, das Er-leben waehrend der Hitlerzeit, die Schilderungen der allgemeinen Situation, vor allemdie Mitteilungen aus unserer Bewegung. Bestimmt erleichtern mir Eure Briefe zusammenmit Zeitungen und Zeitschriften von drueben in Verbindung mit der hiesigen Presse einBild von drueben zu bekommen. Trotzdem weiss ich, dass meine Information nur luecken-haft sein kann. Auf die Dauer macht sich bemerkbar, dass Freud und Leid nicht un-mittelbar miterlebt wird. Auch die vergehende Zeit vergroessert die Entfernung. Ichwuensche nicht und glaube aber nicht, dass diese Entfernung eine Entfremdung im Den-ken bedeutet. Das soll und darf nicht sein.
Ich weiss auch, dass dieser Rundbrief keinen Ersatz fuer einen persoenlichen Briefsein kann. Aber dieses" Sich- melden" ist immerhin besser, als voelliges Schweigen-zumal einer Zeit der politischen und sozialen Umformung, die fuer Euch eine Zeit vol-ler Entbehrungen in jeder Beziehung ist. Was nicht nur von mir sondern auch von de-nen, die mit mir leben, so schmerzhaft empfunden wird ist zu wissen, nicht genug tunzu koennen, um allen Freunden so zu helfen, dass es wirklich fuehlbar und schliesslich-auch fuer uns hier- sichtbar wird. Das waere mein und unser groesster Wunsch.Ich erzaehle Euch nichts neues, dass auch dieses grosse und reiche Land mit seinergrossen Hilfsbereitschaft nicht das gelobte Land sein konnte, vor allem nicht fuerden aelteren Einwanderer, der zudem nicht aus eigenem Entschluss kam, sondern durchdie Ereignisse an seine Ufer gespuelt wurde. Ausserdem: ein alter Baum verpflanztsich schlecht. Dabei hatten wir noch Glueck. Die Familie meines Bruders Robert, dieseit 1924 hier lebt, hat uns viel geholfen. Aber trotzdem: es ist z.B. nicht leichtmit mehr als 50 Jahren ploetzlich ein Fabrikarbeiter zu sein, wenn man sein Lebenseither am Schreibtisch, auf dem Redaktionsstuhl, in der Verwaltung und auf der Red-nertribuene zugebracht hat. Das ist nicht etwa so gemeint, dass ich degradierendempfunden hætte, mein Leben als Fabrikarbeiter zu verdienen. Fabrikarbeit ist keineHerabsetzung, hier schon gar nicht, und ich waere ein schlechter Vertreter der demo-kratischen Idee, wenn solche Gedanken je in mir aufkaemen. Die Tatsache als solchehat mich nie herabgestimmt.Koerpers fiel nicht leicht.Nervenkraft umgegangen bin.
Aber die Umstellung des an solche Arbeit nicht gewoehntenDazu kam, dass ich frueher nie sparsam mit Koerper- undDas raechte sich in diesem Land, wo dem" Greenhorn"nichts geschenkt wird und wo der" Newcomer" nicht selten unter Bedingungen arbeitenmuss, die wir in den vielen Jahren unserer gemeinsamen Arbeit stets und mit Erfolgbekaempft haben.
Mit diesen Worten wollte ich nur andeuten, dass die Jahre der Emigration nicht soleicht und muehelos waren, als es manchem von Euch, die Ihr alle viel Schweres zatragen hattet, vielleicht erscheinen mag. Unser unvergesslicher Genosse Rudolf Breitscheid sagte mir einmal bei einer Unterhaltung ueber Vorkommnisse unter denFluechtlingen: Ja, lieber K., Emigration ist keine Zuckerlecke....
Im Sommer 1944 fand ich ganz zufaellig den mir aus meiner Heimat bekannten GenossenMax Steinmetz . Bei ihm bin ich seither beschaeftigt und damit bin ich zu meinem,einmal in jungen Jahren in Oberstein erlernten, Beruf zurueckgekehrt.Viele der besten Genossen und liebsten Freunde kann ich nicht mehr gruessen. Siesind gegangen, Opfer unserer Ideale, fuer Freiheit, Recht und Menschenliebe. Ichdenke an Hanna Kirchner, Emil Picard, Wilhelm Sieke, Wilhelm Kurth und vor allem anunseren Johann Doetsch und an die vielen anderen, die ich nicht alle nennen kann.Ich verneige mich vor ihnen. Die Hand druecke ich denen, die Hitlers K.Z. und Zucht-haeuser ueberlebt haben, und die heute wieder in den Reihen stehen. Manche Freundeschrieben mir: Komm!, komm' so schnell als moeglich, Du wirst gebraucht. Aus ihrenBriefen sprach ein starker Wille und die Zuversicht fuer einen baldigen sichtbarenErfolg ihrer Arbeit am Wiederaufbau der durch Hitler und den Krieg zerstoerten Grund-lagen des staatlichen Gemeinwesens, der Arbeiterbewegung und allem, was damit zusam-menhaengt. Ich habe schon manchem dieser Freunde antworten muessen: Das Verlassender Heimat und der so sehr geliebten Arbeit war nicht leicht und nicht nur vom freien