Marie Juchacz
339 East 173 St.
20. DEZ.47
Lieber Freund, liebe Freundin:
Seit einem Jahr erhalte ich eine solche Fuelle von aufschlussreichen aberauch mit Fragen verschiedenster Art angefuellten Briefen, dass es zur Unmoeglich-keit wird, sie einzeln zu beantworten. Deshalb waehle ich die Form des Rundbriefes.Zuerst meinen Dank fuer das freundliche Interesse. Ich bin mir bewusst, dass esgemeinsam Erlebtes frueherer Zeit ist, das mich noch heute mit so vielen wertvol-len Menschen zusammenknuepft.
Einige der immer wiederkehrenden Fragen sind, was ich wohl erlebt habe undwie ich schliesslich in dieses Land gekommen sei. Dass ich Deutschland im Mai 1933verliess, war kein absolut freier Entschluss. Wie mir ist es vielen ergangen. Andere,die den Schritt ueber die Grenze nicht tun konnten, leben entweder nicht mehr oderhaben Unsaegliches erlitten. Auch das Leben in der Fremde war nicht leicht. ImSaargebiet, meinem ersten Aufenthalt, wurde noch ein Stueck Kampf gegen Hitler ge-fuehrt und verloren. Zu starke Kraefte standen auf der anderen Seite. Nach die-ser" Abstimmung" ging es nach Frankreich in die zweite Emigration. Der Freundeskreis,mit dem ich lebte, entfernte sich, solange das moeglich war, nicht weit von derdeutschen Grenze. Die erste Phase des Krieges erlebte ich so in allernaechsterNaehe der Heimat, im Elsass . Im Juni 1940 ging es zum dritten Mal in die Emigra-tion nach dem Sueden Frankreichs . Diese Flucht der Millionen vom Osten und NordenFrankreichs nach dem Sueden des Landes erlebten manche von uns in der Vorahnungdeutschen Schicksals, wie es sich aber dann doch viel grausamer abrollte.- Sosagten es uns die Zeitungen 1944/45 und spaeter die in vielen Briefen geschilder-ten Einzelschicksale.- Und so mussten und muessen viele unserer Freunde, die sichniemals zu dem grossen Unrecht an den Anderen hergaben, doch in erster Linie dieSchrecken des Hitlerregimes, des Krieges und der Niederlage tragen. Sie koennensich auch den Folgen und der jetzigen Verantwortung nicht entziehen. Die meistenvon uns im Auslande- handeln im gleichen Sinne.
Der Aufenthalt in einem kleinen Dorf im Sueden Frankreichs konnte nur dieVorbereitung fuer einen neuen, vierten Wechsel meines Aufenthalts sein. Es hat sichin der Folge erwiesen, dass Jeder, der von dort aus in die Haende der Hitlerschergenfiel, nur noch zweckloses Opfer wurde. Freunde halfen mir und einigen Freunden 1941-( mit einer Zwischenstation auf der Insel Martinique ) in dieses Land. Dass wir je-desmal bei einem neuen Wechsel unseres Aufenthalts die bescheidene Habe, die not-gedrungen erworben werden musste, wieder einbuessten, sei nur am Rande bemerkt,unsere Freunde drueben sind viel grausamer daran gewoehnt worden.
Ich bin nicht leichten Herzens in dieses Land gekommen. Aber es waere eingrosses Unrecht, wollte ich nicht dankbar die freundliche Gastfreundschaft aner-kennen, mit der man hierzulande den politischen Fluechtlingen entgegengekommen ist.Und man hat uns auch dann, als die USA selber mit im Kriege war, kaum fuehlen las-sen, woher wir stammen.- Trotzdem ist es fuer einen nicht mehr jungen Menschen ineinem fremdsprachigen Lande, mit anderen Sitten und Gebraeuchen, mit anderen Lebens-anschauungen und-bedingungen, nicht leicht, neue Wurzeln zu schlagen. Das trifftfuer mich und sehr viele Schicksalsgenossen zu.
Es wird mir oft zu der' Position; die ich mir errungen haette, Glueck_ge-wuenscht. Ich weiss nicht, was ich mit diesen Glueckwuenschen anfangen soll. Esmuessen schon ganz besondere Begabungen und Gluecksumstaende zusammen wirken, umhierzulande als Einwanderer so etwas wie eine' Position' zu bekommen. Ich gehoerenicht zu denen, die solche Glueckwuensche entgegen zu nehmen haben, vermisse aber die' Position' auch nicht.
Zu der Frage, wie ich hier lebe? Sehr bescheiden, wie es die Situation ge-bietet. In diesem Lande, so reich es ist an natuerlichen Schaetzen, die durch denFleiss und die Intelligenz seiner Bewohner wertvoll gemacht werden untersteht der