mit besonderem Interesse, weil uns dadurch allmählich ein Bild ent-steht vom Wesen, Denken, und Leben in den Staaten. Wenn möglich, dannschickt uns auch weiterhin solche Ausschnitte aus allen Bezirken derPublizistik. Ich bin leider in den letzten Wochen nicht mehr dazu ge-kommen, Ausschnitte zu schicken, weil mein eigenes Archiv ebenfallsliegenblieb. Aber die Zeitungen sind alle aufgehoben, und auch wenndas eine oder andere nicht mehr aktuell sein wird, soll es demnächstdoch noch an Buch abgehen.
Kurz vor meiner Abfahrt von München nach Nürnberg habe ich noch mit dedem Münchener Operndirektor Leitner, einen sehr guten Kapellmeisterund Pianisten, mehrere Unterredungen gehabt, weil ich mit seiner Un-terstützung einen grossen Debussy - Abend veranstalten will, für diefranzösische Kolonie und für die Arbeitsgemeinschaft Frankreich derKulturliga.
Da das so schlecht zu lesen ist, schreibe ich noch einmal:... mit demMünchener Operndirektor Leitner, einen sehr guten Kapellmeister undPianisten, mehrere Unterredungen gehebt, weil ich mit seiner Unter-stützung einen grossen Debussy - Abend veranstalten will, für die fran zösische Kolonie und für die Arbeitsgemeinschaft Frankreich der Kul-turliga. Und zwar soll Debussyy konzertant vorgetragen und von demrumenischen Tänzer Cornes, mit dem wir befreundet sind, getanzter-den. Cornea seinerseits ist wieder ein Freund und Landsmann des-zwischen berühmt gewordenen Dirigenten der Berliner Philharmoniker ,Sergiu Celibidache , der Anfang Juni nach Bayern und auch nach Mün chen kommen wird. Ich werde ihn kennenlernen. Vielleicht kann manes so arrangieren, dass er in irgend einer Form bei der Debussy- Veranstaltung mitwirkt.
Wir haben jetzt längere Zeit so schönen Sonnenschein gehabt, dass je-der Mensch, trotz Moskau und viel er anderer Dinge, gar keine Lust hat,daran zu denken, in welcher schlechten Zeit er eigentlich lebt. Aberdie Lage macht sich jetzt auch auf dem Vergnügungssektor sehr bemerk-bar. Während bis vor einiger Zeit die Leute noch immer einmal einpaar Mark für einen Kinor, Theater- oder Cabaret- Besuch riskierten,rechnen sie bereits mit jedem Pfennig. Bin Ober, der noch zur Jahres-wende wöchentlich fast 300 Mark Trinkgeld hatte, bekommt jetzt proWoche nicht mehr als 20 Mark. Auch unsere beiden Häuser in München und Nürnberg sind nur noch halb voll. Hinzu kommt die Jahreszeit, diedie Menschen gottseidank in die Luft und in die Sonne hinaustreibt,weil Luft und Sonne immer noch die besten Kräfte spender sind, wenig-stens bis zu bestimmten Grenzen. Und wenn die He schen noch etwas Geldübrig heben, versuchen sie, dafür schwarz etwas zum Essen zu kauDas ist das Problem. Leider. Und wenn dieses Problem nicht gelöstwird, und zwar möglichst bald, sehe ich schwarz. Der jetzige Zustandist ohne Bombenkrieg, ohne schlaflose Nächte, mit hellen Strassen undmit den tau send Friedens- Andeutungen weitaus schlimmer als die ganzenvergangenen fünf Kriegsjahre. Mir tut es vor allem weh, wenn ich dieJugend sehe. Ich habe zwar noch den ersten Weltkrieg vor Augen, woich von Klettenberg zum Barbarossaplatz wanderte, mit einem Eimer bewaffnet, und die Massens peisung abholte. Aber trotz unserer täglich zzugeteilten zwei Scheiben Brot wurde man mit dei Limer voll Graupenmit Pflaumen satt. Ich kenne viele Menschen, die über die Wiesen geheund nach bestimmten Pflanzen su hen, aus denen sie sich Suppen kochenGibt es in der Welt tatsächlich so wenig Lebensmittel, oder in Europa oder woran liegt das? Noch einmal: ich sehe schwarz, schwarz für diewerdende Demokratie, die auf dem Todesbett geboren wurde, genau wiedie Weimarer Republik , die eigentlich nicht recht gehen und stehenkonnte, weil viel zu viel vom ersten Weltkrieg übriggeblieben war.Diesmal ist es schlimmer: diesmal ist die Naziideologie verkapseltzurückgeblieben. Und die neuen demokratischen Führer gehen zu einemgrossen Teil ohne Beispiel voran, Oberbürgermeister bestellen gross-artige Banketts, es gibt offizielle Festessen, bei denen des Marken-problem nicht existiert. Bei allem Verständnis für dile Notwendigkeit.der Repräsentation: dann soll man das ganz heimlich machen. Am bestenaber überhaupt nicht.Genug für heute. Bald mehr und schöneres.
Seid alle herzlichst umarmt von Surem