3. Maerz 1947.
Meine liebe grosse Mutti, liebes Kaethchen, lieber Emil,
jetzt bin ich endlich mal wieder so weit: es hatte sich mal wiederso viel ereignet, und ausserdem geht es nach wie vor so bergauf undbergab, dass man ein haessliches Schwindelgefuehl nicht mehr loswird.Von irgend einer Stabilisierung ist nichts zu spueren, im Gegenteil.Und trotzdem kann man mit etwas mehr Optimismus, als eigentlich er-laubt ist, und mit der Intensitaet, die Maria und ich bis jetzt nochhatten, doch immer ein ganz kleines Stueck weiterkommen. So bekam ichAnfang Januar meine Lizenz als Veranstalter, Military Government In-formation Control License Nr. 1405, und die Lizenz als Verleger istmir trotz Papiermangel so fest zugesagt worden, dass ich beschloss,E nde Januar mit der Arbeit bei der Intelligence Section aufzuhoeren.Es wurde Anfang Februar, weil die Registrierung aller Kuenstler nochnicht abgeschlossen war. Und da jetzt nur noch im wesentlichen Spruch-kammerfaelle durchliefen, und ich ganz und gar kein Jurist bin, da ichausserdem mit dem Filmkameramann Heinz Schnackertz angefangen hatte,einen bild journalistischen Laden aufzuziehen und man nicht zwei Her-ren dienen kann und ich die Tag- Arbeit bei der Militaer- Regierung unddie Nachtarbeit zu Hause trotz des Nachschubs von Euch nicht mehr haet-te durchhalten koennen, konzentriere ich mich zur Zeit darauf, einigegute Reportagen durchfotografieren zu lassen. Wir haben Herrn Schnak-kertz den eigentlich fuer meinen Verlag zweckentfremdeten Raum vorue-bergehend als Laboratorium zur Verfuegung gestellt, ich habe mich umdie Einrichtung dieses Laboratoriums gekuemmert, denn es musste einetischaehnliche Arbeitsmoeglichkeit organisiert werden, auf die man Ent-wickler- und Fixierwannen stellen kann, Leitungen mit Schaltern undSteckern mussten gelegt werden, d.h, dass diese Leitungen, Schalterund Stecker zuerst organisiert werden mussten, und dann musste man je-manden finden, der alles fachmaennisch montiert. Ich erzaehle Euch die-se Details, weil sie einen kleinen Einblick geben in unseren taegli-chen Arbeitsanfall unvorhergesehener Art.- Jetzt steht das Labora-torium, und wir fangen mit einer laufenden" Bildproduktion" an. Vor-erst gibt es noch einmal eine kleine Stockung, denn mitten in der Pla-nung wurde Herr Schnackertz krank und lag nebenan im Zimmer, das Marialaufend fuer ihn heizen musste, auf der Nase, ich legte mich am nae-chsten Morgen mit Ischias - Schmerzen hin, die ploetzlich wieder soschlimm waren wie im Vorjahr. Wir hatten also kein Laboratorium, son-dern ein Sanatorium, und Maria lief von Ofen zu Ofen, schleppte Holzheran, lief zum Anstellen zum Einkaufen, und in gelegentlichen ruhi-gen Minuten stand sie gebueckt ueber ihrem kleinen Zeichentisch undentwarf sehr, sehr schoene Plakate. Dann stand sie wieder in der Kue-che und zauberte mit Brot, etwas getrocknetem Obst und einer Schoko-ladentunke einen Brot- Pudding zurecht, oder buk aus etwas Mehl mitkosherem Fett ein omelette d'eau sucre, und so sind wir mal wiederbis heute davon gekommen.
Da man unter den heutigen Verhaeltnissen in Deutschland selbst beistaerkster Forcierung aller schoenen Plaene nur bruchstueckweise wei-terkommt,-wenn das, was man erreicht, ueberhaupt als Weiterkommen be-zeichnet werden kann-, haben sich viele Menschen regelrecht zum Win-terschlaf hingelegt. Sie bleiben bis mittags in den Betten, weil es