Akte 
Persönliche Korrespondenz
Entstehung
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Fritzmichael Roehl, Muenchen 9- Harlaching , Haselburgstrasse 6/ AmericanTel. 40 857

Zone

22. Bezember 1946.

Lieber Onkel Robert, liebe Tante Ida, lieber Paul( Du als erster bzw.drit-ter, weil Du u s am deutlichsten in Erinnerung bist), und lieber Robertud Georg nebst Familien,

aus dem Datum dieses Briefes seht Ihr, dass Weihnachten vor der Tueresteht, dass wir mit unseren Gruessennund Wuenschen zu Weihnachten und zuNeujahr viel zu spaet kommen, aber dass wir zumindest in Gedanken auchbei Euch drueben sind, obwohl wir gar keine Vorstellung haben, wie esEuch allen im allgemeinen und im besonderen geht. Ihr habt damals dieBruecke wieder zu E mil und Mie geschlagen, weil ich eines Nachts zur rech-ten Zeit E ure Adresse traeumte und der gute Capt. Van Loon, der schonseit einem halben Jahr aus der Armee entlassen u d in New York ist, machteden postillon d'amour de famille.

In diesem Jahr haben wir keine netten amerikanischen Freunde um diese Z eit,die von sich aus mithelfen koennten, dem Weihnachts- und Neujahrsfest ei-nen freundlicheren Schimmer zu geben. Meine Vorgesetzten haben so viel mitsich selbst zu tun, u d inzwischen hat sich die Lage hier in Deutschland so geaendert, dass die wenigen Amerikaner, die die gleichen Interessen hat-ten wie wir, inzwischen entlassen sind, und dass wir mit den neuen Herrenkeinen intensiveren Kontakt bekommen, und auch nicht bekommen wollen.

So werden Maria und ich uns alleine an unseren geschmueckten Baum setzen,an dem keine Kerzen sind, weil es in Deutschland keine gibt, wir werdenuns Gutscheine an Stelle von Geschenken hinlegen: Gutschein auf ein glueck-liches Ueberstehen aller Wiederwaertigkeiten, Gutschein auf einen beruf-lichen Erfolg, Gutschein auf alles das, was man sich gegenseitig wuenscht.Dann werden wir unser gebratenes Kaninchen aus der Roehre ziehen( icn nabees mit viel Geduld bis in den kalten Winter hinein grossgefuettert), werdenden aus einer Sonderzuteilung Gries kunstvoll hergerichteten Pudding hin-terherwandern lassen, besonders schmackhaft gemacht durch eine Sauce ausMarmelade, die sich in einem Care- Paket befand, dann werden wir die bisjetzt sorgsam gehueteten Paketreste nahrh fter Art auf die zwei Feiertageaufteilen und uns den Magen verderben.

Aber ganz so schlimm wird es nicht: wir haben unsere wieder ganz huebschgewordene Wohnu g, hab en genug Holz und Kohle organisiert, um staendig we-nigstens ein Zimmer ganz warm zu haben, ich habe meine Arbeit im Office,so lange, bis ich meine eigene Verleger- und Veranstalter- Lizenz habe, undMaria macht bezaubernde kuenstlerische Arbeiten, hat z.B. vor einigen Tageneine suesse Sickerei fertiggemacht, die Morgenroete auf einer rosa Muschelauf blauem, perlenden Wasser, das Ganze in einem Goldrahmen. Sieht wunder-bar aus. Es gaebe be timmt einen Liebhaber, der es Maria abkaufen wuerde,aber es gehoert zu einem Z yklus, der erst ganz und gar fertig sein muss:der Morgen, der Mittag, der Abend, und die Nacht. Bis die Nacht fertig seinwird, feiern wir vielleicht schon wieder Weihnachten 1947.

Aber sonst geht es uns gut, tausendmal besser als den Fluechtlingen, diein Lagern hausen,- tausendmal besser als den vielen, die keine Angehoeri-gen in Amerika haben und niemals privat ккk Pakete bekommen haben, wiees z.B. Mie, E mil und Kaethchen Fey in wunderbar ruehrender Weise fueruns taten. Wo' doch die New Yorker bestimmt selbst nichts haben.

Wir hoffen auf das naechste Jahr, und wenn sich auch dann noch nicht vielgeaendert haben sollte, hoffen wir auf das uebernaechste Jahr. Wir habendas tausend jaehrige Reich ueberstanden, werden 1so auch mit den Truemmerndieser hinterlassenschaft irgendwie fertig werden. Das ist unser fester Vor-satz, mit dem wir, auch in Gedanken an Euch, ins neue Jahr 1947 gehen.Euch allen herzlichste Gruesse. schreibt einmal an Euren