Meine liebe grosse Mutti und lieber Emil,
diesmal ist sehr, sehr viel Zeit vergangen seit meinem letzten Briefvom 20. September, was weniger an Schreibfaulheit lag, als vielmehran der Fuelle von Arbeit. Die Zeit ist so schnell vergangen, dasswir jetzt auf einmal hier im beginnenden Winter stecken, mit erstenNachtfrosten, mit Heizen- muessen und den vielen anderen Dingen,die ein Winter beschert.
Als ich Euch am 6. September schrieb, war der erste Luftpostbriefvon Euch vom 28. August noch nicht da. Er brauchte 14 Tage. Ichwill zuerst auf ihn antworten. Du schreibst, dass einige Post anuns unterwegs ist, aber es kam nach diesem Brief vom 28. August nurnoch ein weiterer Luftpostbrief vom 12. September, der nur zehnyTage brauchte, also am 22. September hier war. Den ersten air- mail-Brief habe ich an sich am 20. September schon beantwortet. Ich musskorrigieren, dass ich nicht an Paul Kirschmann nach Idar- 0. schrieb,sondern nan A ugust. Ich glaube, ich machte diesen Fehler zwei Mal.Den Trip ueber die geoeffnete englische Grenze zu Paul in die fran-zoesische Zone kann ich im Augenblick nicht machen, danich keineneinzigen Tag entbehrlich bin. Paul hat mir mit zwei Zeilen geant-wortet, hat also meinen letzten Brief erhalten. Von Lotte habe ichnichts gehoert. Sie bekam ebenfalls einen langen Brief.Zu Deinem 2. air- mail- Brief vom 12. September: ich werde mich imLaufe der naechsten Zeit mit allen Menschen, die Du erwaehnst, inVerbindung setzen. Teilweise werde ich sogar beruflich dies oderjenes mit ihnen zu tun haben. Toni Pfuelfs Schicksal war mir be-Icannt.- Von den Quakern hat sich noch niemand an mich gewendet. Esist eine Kommission hier gewesen und hat Schulen und andere Ein-richtungen in Bayern besichtigt. Ich erfuhr aus der Presse, nach-dem die Besuche stattgefunden hatten, konnte also nicht mehr fest-stellen, ob es sich bei dieser Kommission um die Quaker handelte,die sich an Sollmann wandten. Um aber in Zukunft solche Vermittlun-gen zu erleichtern, gebe ich meine dienstliche Anschrift an:Information Control Division, Intelligence, Munich Detachment, Hu-bertusstrasse 4, Munich, Tel. 35 084/85. Mein Team Chief ist Mr.Hans Lynd. Sollte aus irgend einem sehr dringenden Grunde eineschnelle Nachricht an mich gehen muessen, ist er bestimmt genau sogerne bereit wie seinerzeit Gerard Willem Van loon. Habt Ihr mal vonihm etwas gehoert? Er ist in New York , ich schrieb ihm einmal, be-kam aber keine Antwort. In den naechsten Tagen muss ich ihm sowiesoausfuehrlicher schreiben, weil die Erteilung von zwei Lizenzen anmich in greifbare Naehe gerueckt ist: einmal fuer eine Theater- undKonzert- Direktion, und dann die Verlag slizenz fuer die internatio-
nale Kunstzeitschrift.
Beruflich hat sich fuer Maria insofern etwas geaendert, als sieihre Mitarbeit als Buehnenbildnerin beim" Bunten Wuerfel" einge-stellt hat. Die beiden leitenden Herren dieser Kleinkunstbuehnehaben scheinbar kein Interesse daran, ein gutes Kleinkunstprogrammzu bieten, sondern wollen mit unterdurchschnittlichem Niveau moeg-lichst viel Geld verdienen. Und da Maria ihren guten Namen nichtaufs Spiel setzen will, hat sie kurzerhand aufgehoert, was sie jaauch konnte, weil ich wieder einen job hatte. Dieser job hat aberinsofern einen Haken, als ich zwar seit dem 5. August bei der ICDarbeite, bis heute aber noch keinen Pfennig Geld bekommen habe. Dadie Bearbeitung meiner Einstellung bei ICD bis zum 18. Septemberdauerte, soll ich nur ab 18. September bezahlt werden. Ich haettealso anderthalb Monate umsonst gearbeitet. Mal sehen, wie das aus-laeuft. Nur: unsere Kalkulation wurde, da wir von der Hand in denMund leben, umgeworfen, der Wirt hat keine Miete bekommen, ver-schiedene andere Loecher sind noch offen, aber die werden wir schonzustopfen. Das ist unsere geringste Sorge. Die groesste Sorge ist