Fritzmichael Roehl, Muenchen 9- Harlaching , Haselburgstr.6, Tel. 40 857GERMAN. Germany / American Zone20. September 1946.
Meine liebe grosse Mutti,
gestern kam Dein Brief vom 28. August( air mail), mit der Ankuendigung, dassweitere Post an uns unterwegs ist. Wir haben noch nichts bekommen und war-ten jeden Tag darauf.
Was mich am meisten beunruhigt, ist das, was Du ueber Emils Gesundheits-zustand schreibst. Umsomehr bin ich besorgt, weil ich weiss, dass Emilder Verdiener ist, und wenn er voruebergehend ausfaellt, muesst IhrEuch teuflisch nach der Decke strecken. Kann Robert nicht etwas helfen?Wir haben nicht die geringsten Vorstellungen ueber irgendwelche Moeglich-keiten, die Euch beiden betagten, schwergeprueften Menschen das letzteRestchen Eures Lebens leichter machen koennten, am besten so leicht, dassen von einem verhaeltnis maessig ruhigen Lebensabend sprechen koennte.Undgenau so, wie Euch drueben die Haende gebunden sind, um uns zu helfen, ge-nau so geht es uns fuer Euch. Wir koennen Briefe schreiben, mit trostvol-len, zuversichtlichen Worten, aber wenn es eine Moeglichkeit gibt, dasssowohl Emil als auch Dir geholfen wird, dann tatsaechlich nur drueben beiEuch.
Heinz, mein angeheirateter Neffe, sagt tausend Dank fuer die Briefmarke,er ist bis jetzt noch nicht dazu gekommen, eine kleine Sammlung zusammen-zustellen. Was bisher geschah, wurde von mir gemacht. Heinz trennt sichungerne und schwer von seinen Schaetzen, und dadurch soll sich angeblichder wahre Sammler vor den gewoehnlichen sterblichen Markenhaendlern aus-zeichnen.- Ich weiss noch ganz genau, wie Ihr alle, Du und Mutti, Markenfuer mich gesammelt habt. Ich weiss auch noch, dass ich einmal aus jun-genshafter Leichtsinnigkeit bei irgendwem Marken gestohlen haben, die wirsehr leichtsinnig aus grossen, dicken Alben entfernten und nachher- wennauch schweren Herzens zurueckgeben mussten. Und die Bogen vom 11. August1919 habe ich lange Zeit gehuetet, bis sie verlorengingen, zusammen mitmeiner sehr umfangreichen Notgeldsammlung, deren groesster und schoensterTeil 1933 bei der Beschlagnahme der Koelner Wohnung den Nazis in die Haen-e fiel. Du wirst kaum glauben, dass ich noch einige Kleinigkeiten habe,die von Euch stammen, so die Keramik- Dose mit den Tieren, das hoelzerheZigaretten- Etui, das mir Emil vor genau 19 Jahren schenkte, der Fuellfe-derhalter, den mir unsere rothaarige dicke Bertha in Koepenick schenkteund der auch sein Alter von mindestens 20 Jahren hat, und von Mutti einganz kleines, auf Duenndruck hergestelltes Exemplar von Goethes" Hermann und Dorothea ", mit einer Widmung von Mutti anlaesslich des in Weimar be-gangenen Verfassungstages 1919. Diese kleinen Dinge habe ich gehuetet, sogut es ging. Vieles sah und fand ich nicht wieder, liegt in Berlin unterden Truemmern der Jahre 1943-45, oder ging schon 1933 bei den Unruhen umunser Koepenicker Haus verloren. Aus der Bibliothek habe ich einiges ret-ten koennen und mit mir herumgeschleppt, es in vielen, vielen Bunkern ver-teilt, um es vor Zerstoerung durch Bombeneinwirkung zu hieten. Jetzt ste-hen einige Kisten auf unserem Speicher, und wenn ich einmal Platz habensollte( der Platz waere da, aber das Moebel fehlt), dann packe ich aus, undkann Euch dann sagen, was alles da ist.(" Das freie Wort" Ernst Heilmannsin mehreren Exemplaren, Ossietzkis" Weltbuehne ", Lily Brauns gesammelteWerke, die Biography Otto Brauns, eine ganze Reihe von Reichstags- undLandtags- Handbuechern, viele sozialistische Monathefte, Liong Feucht-wangers" Juedischer Krieg ", Knickerbockers Russland- Buecher" Der rote