Fritzmichael Roehl, Muenchen 9- Harlaching , Haselburgstrasse 6, Tel. 40 857.Germany / American Zone
6.9.46.
Meine liebe grosse Mutti, bester Emil,
wir bekamen mit unsagbarer Freude Euren Brief vom 23. Juli, der auf fuenf aus-fuehrlichen Seiten noch einmal und diesmal doch unter ganz anderen Gesichtspunk-ten Euer ganzes Leben und Erleben von der Emigration 1933v bis zur gegenwaertig-sten Gegenwart schilderte. Ihr habt also weitere Bilder bekommen und Euch da-rueber gefreut, und wir werden Euch auch immer wieder Bilder schicken, denn zu-sammen mit dem geschriebenen Wort verdichten sie die Atmosphaere, in der wir le-ben, arbeiten und kaempfen, in der wir hoffen und streben, weil wir uns trotz un-serer 40 Jahre( ich bin 38, Maria ist zwei Jahre aelter als ich und sieht fuenfJahre juenger aus als ich doch noch jung genug fuehlen. Als Mutti starb, warsie 42 Jahre alt, und ich hatte damals die Vorstellung, dass sie unwahrscheinlichjung war. Heute, bei meinem Alter, weiss ich, dass diese damalige Vorstellung rich-tig war, denn koerperliche und heistige Jugend sind zwei grundsaetzlich verschie-dene Dinge.
Maria ist heiter und leichtbeschwingt, ein ganz und gar wesensmaessig glueckli-cher Mensch, der aber auf Grund eines ausgepraegten kuenstlerischen Betaetigungs-triebs mit dem erforderlichen Ernst zu Werke geht. Das Schmuckstueck auf dem einenFoto ist tatsaechlich alt, eine Hand- Arbeit vom Balkan , von wo wir es uns voneiner unserer Reisen mitbrachten. Wir haben uns viel zusammengetragen, auch Mariaund ich hatten Sammler- Instinkte, nicht fuer Briefmarken, sondern fuer alte Druckeund Stiche, fuer seltene kuenstlerische und kunsthandwerkliche Kostbarkeiten, wirtrugen uns manches Stueck zusammen, aber wir klagen nicht, dass wir alles verlo-ren haben, weil wir Besitz- Menschen sind, die sich an alles klammern. Im Gegenteil:ich stehe genau wie Ihr auf dem Standpunkt, und Maria ist der gleichen Meinung,dass es voellig verfehlt ist, verlorenem Besitz nachzujammern. Selbstverstaend-lich freuen wir uns, wenn wir hoeren, dass hier noch etwas von unseren Sachenlebt, oder dort, wie z. B. jetzt, als wir erfuhren, dass sich in Berlin noch Aqua-relle von Maria angefunden haben, und in einer Kiste in Oesterreich ebenfalls.So verhielten wir uns auch, als wir fast zur gleichen Zeit im vorigen Jahr nachdem Zusammenbruch in Muenchen ankamen und unsere Wohnung mit ihren Restbestaendenreichlich trostlos aussah. Wir spuckten in die Haende und improvisierten uns miteinigem Geschick schnell etwas zusammen, um uns dann in dieser uns wieder selbst-gezimmerten Atmosphaere so wohl zu fuehlen, dass wir daraus die Kraft holten, mitallen anfaenglichen Schwierig- und Widerwaertigkeiten fertig zu werden oder zumin-dest sie leichter anzupacken und zu bewaeltigen.
Ihr habt vielleicht inzwischen den Brief bekommen, indem ich ueber die etwas miss-glueckte Ankunft des Bei- Paketes berichtete. Einen grossen Teil der herausgenomme-nen Dinge duerften wir ja wieder zurueckbekommen haben. Von dem Telegramm ist miretwas mitgeteilt worden, ich konnte mir aber nichts zusammenreimen. Einen Briefmit einem Zettel ueber den Inhalt des Bei- Paketes haben wir auch nicht bekommen,und warten noch auf die Mitteilung des Inhalts, damit wir eventuell noch nachhakenkoennen, denn die betreffende Dame, die den Unsinn angestiftet und das Paket ge-oeffnet hat, ist noch immer in greifbarer Naehe.
Sammelt Ihr unsere Korrespondenz? Ich habe alles aufgehoben, was bisher ankam, weiles erstens fuer mich sehr wertvoll ist, denn ich blaettere des oefteren in den Brie-fen herum, und weil ich zweitens vergleichen kann, worauf Ihr geantwortet habt, wasalso angekommen ist und was nicht.- Den einen Satz ueber die offenen Worte habeich nicht ganz verstanden in Earem letzten Brief. Es heisst da:" Und so habe ichdenn ueber ein offenes Wort meine grosse Freude gehabt, ich danke dafuer, 1.M."Grundsaetzlich noch einmal folgendes: ich habe einige Male redht verzweifelt ge-schrieben, und es klang nicht sehr hoffnungsvoll, was ich fuer mich und Marie fuerdie Zukunft erwartete. Ich war aber frog, diese Verzweiflung einmal niederschrei-ben zu koennen, wobei mir klar war, dass ich Tage oder Wochen spacter mich wieder