Akte 
Persönliche Korrespondenz
Entstehung
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einem halbjaehrigen Aufenthalt schon so weit zu sein, dass wir sagen koennten: so,liebe grosse Mutti und lieber Emil, jetzt widmet Euch in den letzten ahren Eureskampfreichen, unruhigen Daseins den Dingen, die Euch am Herzen liegen, ohne dassIhr auf irgend welche fuer dieses weitere Leben notwendigen materiellen Ueberlegunggen Ruecksicht nehmen muesst, denn wir, Maria und ich, verdienen so viel, dasswir alle auskommen.- Ist das ein Wunschtraum? Ich sage" nein", denn was man rich-tig will, kann man im allgemeinen schaffen. Manchmal zwar nicht ganz alleine, aberder Ehrgeiz, alle Kredite gutverzinst einmal zurueckzuzahlen, ist niemals einschlechter Ehrgeiz gewesen.

Und nun noch etwas zur ins Korn geworfenen Flinte und sum" In die Politik hinueber-wechseln". Ich sage vielleicht einmal dummerweise, dass ich drauf und dran bin, dieFlinte ins Korn zu werfen, aber das ist wie mit den" enschen, die dauernd davon spreechen, dass sie sich jeden Augenblick aufhaengen wollen und die dann hundert Jahrealt werden. Man sollte das am besten auch nicht sagen und Flinte Flinte sein lasssen,aber wenn das Barometer mal ganz tief gerutscht ist, wird man vor lauter scheinba-rer Aussichtslosigkeit etwas hilflos. Das ist ein Zustand aehnlich dem, der michkurz vor Toresschluss, im April 1945, in Straubing bei Regensburg , am Bahnhofsge-laende ueberfiel. Wir lagen dort zu 128 Personen auf einem Gelaendes tueck von etwaloo Quadratmetern, dicht am Bahndamm neben einem typischen Ortsfriedhof, und war-teten unsere Zeit ab, um einige Stunden spaeter unsere Marschverpflegung abzuholen.Da zogen mehrere viermotorige Geschwader am Horizont auf, kamen naeher, ein Kame-rad sagte: jetzt geht es wieder nach Regensburg , auf den Nachschub. Und nach einerWeile ich:" Wenn die jetzt ausklinken, dann hat es uns". Und sie klinkten aus,eine Welle nach der anderen, von links kommend, von rechts, vorne und hinten.Kaumhatte sich der Rauch des Einschlags bzw. der Einschlaege verzogen, pfiff es vonneuem vom Himmel herunter. Sehen konnte man nichts, hoeren konnte, an nichts. Ichsprang von Kraterloch zu Kraterloch, wurde hochgerissen, weggeschleudert, die Brockenflogen mir wie Hagel um die Ohren, dauernd war ich mit meinem Kameraden in Verbin-dung, wir riefen uns beim Aufspringen, Weiterspringen, Verstecken in den Bomben-loechern die Richtung zu, landeten auf dem Friedhof, der im gleichen Augenblickvon vielen anderen aufeinanderfolgenden Wellen umgepfluegt wurde. Einmal lag ichzwischen drei grossen Grabsteinen, links und rechts ein langer, und vor mir einhoher. Den vierten von etwa einem Zentnergewicht schleuderte mir der Luftdruckaufs Kreuz, und das war meine Rettung, denn der naechste Segen, der zentimeter-scharf neben den Steinen das Erdreich forttrug, ging ueber die schuetzenden Steineund ueber mich hinweg. Ich hatte Prellungen, war etwas geschunden, und als ichdann einige Minuten spaeter auf das freie Ackerland hinauslief, den naechsten aus-klinkenden Wellen entgegen, und mein Kamerad in groesserer Entfernung in gleicherRichtung, spuerte ich ebenfalls nichts von Angst, sondern eben nur von der Hilflo-sigkeit, mit der man da nun uerfeldein laeuft und sich sagt: bis jetzt hat es michnicht erwischt, warum denn nur in der allerletzten Minute.

Als ich mir einige Stunden spaeter das Gelaende, auf dem wir zuerst gelegen hatten,ansah, wollte ich es nicht gleuben, dass ich mit noch einem" enschen das Glueck hat-te, aus diesem Hexenkessel herausgekommen zu sein. Wir swei waren von den 128 Men-schen uebrig geblieben. Und das hundert Quadratmeter grosse Stueckchen Land war einwund aufgerissenes Stueckchen Erde mit den wild verstreuten Resten von 126 Menschen.Als ich das sah, war ich betaeubt hilflos, und es dauerte bis in den naechsten Taghinein, um damit fertig und davon wieder frei zu werden. Ganz frei davon bin ichheute noch nicht, obwohl ich gottlob nicht mehr davon traeume. Ebenso hilflos warich 1943 in Berlin , als ich einmal 20 Minuten lang mit Frauen und Kindern und einemalten Mann verscbuettet war und keine Moeglichkeit sah, heraus zukommen. Mit der ge-zogenen Pistole hielt ich eine wahnsinnig gewordene Frau in Schach und disponiertekurz entschlossen so, wie ich es fuer richtig hielt, und kam mit 11 von den Einge-kellerten heraus. Acht blieben zurueck und wurden vor unseren Augen verschue ctet.