Akte 
Persönliche Korrespondenz
Entstehung
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Auch da war ich hilflos, denn meine Kraft reichte nicht aus, um das zusammenge-stuerzte Haus so schnell abzutragen, dass die Verschuetteten gerettet werden koennterAusserdem hinderten mich die Tiefflieger daran, das Feuer der Bordwaffen, und dieun mich herum zusammenbrechenden Haeuser, die von Phosphor verbrannten Menschen,die ich dann die ganze Nacht hindurch mit einem Wagen aufsammelte und in Krankenhaeuser fuhr. 14 Tage lang war ich damals im sogenannten" Raeum- Einsatz", und immer waehrrend der Dauer der Angriffe. Hunderte von Menschen hat es vor meinen Augen erschla-gen, und ich war hilflos.

Auch vor einem Vierteljahr war ich hilflos, denn" not to be employed" ist wie eineingestuerztes Haus, unter dem man begraben liegt. Es kann nur Hilfe von auss enkommen. Und wenn man noch die Geistesgegenwart und die Kraft hat, Laute von sichzu geben, die von Aussenstehenden bemerkt werden und die dann eingreifen, geht es.Aber man weiss ja selbst nicht, dass es geht. In einem solchen Zustand wirdt manin Gedanken die Flinte ins Korn, oder man spricht datron, es tun zu wollen. Aberin dem Augenblick, wo man hoert, dass von aussen gebuddelt wird, hat man mehrKraft als viele" enschen zusammen. Versteht Ihr mich etwas?

Und mit dem" Hinueberwechseln" ist es so: ich bin politisch nicht nur brennend anallen Dingen interessiert, sondern habe das grosse Beduerfnis, mit beiden Haendenzuzufassen. Das kann man in direkter Partei- Aufbauarbeit, man kann das aber auchin der Form, die fuer das gebrochene Deutschland nicht die schlechteste ist: denMenschen Kontakt mit der Politik geben, wo man geht und steht und mit allem, wasman sagt und tut. Ihr kennt nicht die Gespraeche junger Menschen auf der Strassen-bahn, wie sie verwirrt ist und irrt. Druecke solchen jungen" enschen ein Flugblattin die" and, sie werfen es fort. Fordere sie auf, politisch aktiv zu werden, sielachen Dich aus.- Wenn Du Dich aber fast unbemerkt in die Diskussiod einschal-test, kannst Du bald- ohne als Partei- Propagandaredner erkannt zu werden- denDiskussionsfaden in die eigene Hand nehmen und das Gespraech in eine Richtung brin-gen, die positiv, aufklaerend, befruchtend ist. Es ist ja so0000 schwer, geradedie Jugend zu erfassen, und auf sie kommt es nach meiner Meinung in allerersterLinie an. Die Erwachsenen haben 12 Jahre lang so geschrien, jetzt schreinen sieanders. Und wenn es sich ergaebe, wuerden sie uebermorgen wieder ganz anders bruel-len. Das ist die geistig muede gemachte Buergermasse, die nur die eigenen vierWaende sieht, und darin den Kochtopf, auf dem Herd, die Kartoffel- und Kohlenkistengefuellt, und in der Speisekammer von Freunden vom Land diese oder jene Kleinigkeit. Politik? Um Gotteswillen, das hatten wir seit 1933. etzt wollen wir einst-weilen mal eine Weile garnichts. Nur was zu essen, und moeglichst lange keine Arbeit, mit der wir schlecht verdienen, sondern unseren Schwarzhandel, der uns von365 Tagen im Jahr 300 Ferientage garantiert. Die Amerikaner? Sie nehmen uns alles,und geben uns als Trost ein paar Konserven oder Buechsengemuese und Trockenmilch.Die Zeitungen? Luegen genau so wie frueher.- Die in Bildung begriffene egierung?Das sind Parteibonzen, die in die eigene Tasche wirtschaften.- Der deutsche Durch-schnittsmensch ist politisch restlos verdorben. Die neue politische Erziehung wirdvielleicht einmal bei der jetzt heranwachsenden Generation wirksam werden. Hinueber-wechseln in die Politik hiess damals in meinem Brief: aus der defensiven Passivitaetin die agressive Aktivitaet uebergehen. Aber auch bei dieser Argumentation werdetIhr noch ein Haar finden, und wenn ja, dann auch mit Recht, denn von dreuben siehtes anders aus als von hier. Es gilt nicht, ein deutsches Problem zu loesen, son-dern ein Zonenproblem. Ausserdem haben wir noch immer Waffenstillstand, und keinenFrieden. Trotzdem ist das Werk, das die Aktivisten Schumacher, H oegner usw. be-reits vollbracht haben, gewaltig, denn ohne sie wuerden die Probleme Ruhr, Osten,Parteien, Verwaltung, Wirtschaftseinheit, usw. ganz anders und weniger befriedigendgeloest werden.

Aber nicht zu viel von diesen persoanlichsten politischen Gedanken. Darueber unter-halten wir uns, wenn wir bei Euch sind, ja?

Dein Nachsatz, grosse Mutti, mit den Paketen ist so etwas wie Testament. Wir wartenfroh und geduldig. An Else Pfau werde ich schreiben.- Euch umarmen wir herzlichst.