Fritz, mein lieber Junge und liebe Maria,
den 16.August 1946
zuerst meinen herzlichsten Glueckwunsch. Ich bekam die beiden frohen Briefehierher in mein laendliches Tuskulum. Gestern nachmittag kamen sie an, Ichhabe sie sofort als" Special Delivery" nach New York geschickt, damit Emil bundunsere Freundin Kaethe die Freude, sobald als moeglich haben. Da am Samstagdie Post nur einmal und Sonntags garnicht bestellt wird( das ist in ganz USA so) wollte ich dafuer sorgen, dass sie den Brief bestimmt bekommen. Endlichhat diese Nervenqual fuer Dich ein Ende, auch fuer Maria, und schliesslich auchfuer uns.Ich schreibe heute noch ein paar freundliche Zeilen an Kempner , Duwirst es ja auch getan haben. Das ist an sich nicht das Wichtigste, aber fuerden Fall dass er Dir XXXXXXX.helfen wollte, ist es doch richtig so.Er ist hier unter uns Emigranten eine der groesseren Nummern und doch eigent-lich in einer beneidenswerten Position, weil er als Jude und Sozialist die-sen Kreaturen gegenueber stehen kann und er ist mit seinen internen Kennt-nissen und seinem guten Gedaechtnis und scharfem Verststand berufen zudieser Rolle. Gut, dass Du Lotte einen Durchschlag Deines Briefes geschokthast, wie ich sie kenne, hat sie sich sicher sehr grosse Sorge um Dich ge-macht. Wenn ich gestern noch haette schreiben koennen, waere sicher ein ganzverrueckter Brief heraus. gekommen, wenn eine Nacht dazwischen liegt, dann wirdman auch bei meiner Jugend etwas ruhiger und besonnener, Emil kann so einbischen Freude gut gebrauchen, der Arme, er ist, so scheint es mir in der letz-tén Zeit, sich der Schwere und des Ernstes seiner Krankheit so recht bewusstgeworden und es wird im besten Fall sehr viele Muehe kosten, um ihm wiederein bischen freudiges Vertrauen beizubringen. Es kommen woechentlich minde-stens einige Briefe, in denen ihm gesagt wird, dass man auf ihn und sein Kom-men, seine Mitarbeit, seinen guten Rat wartet. Das freut ihn natuerlich, es tutdei ihm aber auch weh und bei manchen Briefen moechte ich wuenschen, dass er sieueberhaupt nicht bekaeme, weil die Gemuetserschuetterungen doch an ihm nagen,Das ist nicht gut.Manchmal habe ich die Hoffnung, dass, wenn er nur einige Jah-re ohne Erregungen und ohne Attacken seiner Krankheit ueberstehen wuerde,er noch lange leben und auch das Seinige noch tun koennte. Aber es kommen1 immer wieder so akute Erscheinungen seiner Krankheit dazwischen, von denen er, sich dann sehr lange nicht erholen kann, dass ich doch leider erkennen muss,dass der K.- Prozess nicht zum Stillstand gekommen ist. Das macht dann mutlos,mich( das ist nicht so schlimm, ich kann mich zusammen reissen) ihn, das ist na-tuerlich viel schlimmer, Nur-- meine Bitte: nichts erwaehnen, dass ich ueber-haupt darueber schreibe, er mag das nicht, er will dann alles wissen, was ichueber ihn geschrieben habe, das ist das Misstrauen des intelligenten Kranken,der natuerlich weiss, dass man ihm etwas vorenthaelt.--- Emil hat ein solchesGeschick wirklich nicht verdient, seine aktive Intelligenz ist nur durch deneinsichtigen Verstand zu kontrollieren und so ist er natuerlich immer unter-richtet ueber sich selbst. Das macht ihn immer wieder abruecken von der Selbsttaeuschung, die jeder Kranke notwendig hat, um Psychologische Abwehrstoffe zuentwickeln.---- Doch lasst uns von etwas Freudigerem sprechen. Dass ich michueber Deine Rehabilitierung unendlich freue, kann ich kaum in Worten ausdruec-ken. Ich weiss was es fuer Dich bedeutet hat.Nun wirst Du wieder frischen Le-bensmut haben- und Dein Kamerad mit Dir, es sieht sicher fuer Dich alles an-ders aus.--- Dass Ihr nun auch das Paket bekommen habt und anscheinend dochalles- mindestens aber das Meiste in Euren Haenden ist- freut mich ebenfallsvon ganzem Herzen. Wir haben uns von hier aus noch alle Muehe gegeben, um esEuch zu sichern, das wirst Du inzwischen sicher aus meinen diversen Brifen,gesehen haben. Nun werdet Ihr auch die folgenden Sachen bekommen, von denenschon frueher Erwaehnung war und das wird dann etwas Substantielleres sein.Ich hoffe,---- Paul hat mir geschrieben, dass er auf einer landwirtschaft-lichen Tagung war, ich glaube in Stuttgart , aber wahrscheinlich hat seine Zeitoder Erlaubnis nicht ausgereicht, um Dich zu besuchen. Aber er teilt weitermit, dass August Kirschman demnaechst" eine Reise tun wird" und dabei XXXauch nach Muenchen kommen wird. Ich hoffe, er war schon da und zu einem Zeit-
pun