Akte 
Persönliche Korrespondenz
Entstehung
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Fritzmichael Roehl, Muenchen 9- Harlaching , Haselburgstr.6- Tel. 4085718. Juli 1946.

Liebe grosse Mutti, lieber Emil,

meine Briefe an Euch jagen sich, aber man ist so gluecklich, dass wiederso etwas wie eine Familie beisammen ist, wenn auch unwahrscheinlich vielWasser dazwischen liegt. Sobald irgend eine Kleinigkeit sich ereignet,sollt Ihr es wissen, und dabei wuenscht man, dass die Briefe hoechstensacht Tage brauchen, aber es werden entschieden mehr sein, viele Wochensicherlich.

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Gestern gab es zweierlei groessere frohe Ueberraschungen, wenn auch amTag zuvor ein kleiner Wermutstropfen in den Kelch meiner ansonsten inne-ren Freude fiel.Vorgestern hatte ich eine Besprechung wegen meiner Kunstzeitschrift dacapo und man riet mir, mich mit einem bereits bestehenden Kaeseblattzu kuppeln, um diesem Blaettchen ein gediegeneres Format zu geben, denneine zweite Theaterzeitschrift koenne man nicht zulassen.dass aus mancherlei Gruenden, Papierknappheit, keine Moeglichkeiten zurMag sein,Herstellung von Klischees usw., eine zweite Zeitschrift eine vorueberge-hende Belastung darstellt fuer die Wirtschaft, vohedxx man nicht weiss,ob das, was sie bei dem Leserkreis erreichen will, dazu nicht doch ineinem ganz gesunden Verhaeltnis steht, aber ich kann unmoeglich meinepersoenlichsten, sehr weit reichenden Beziehungen zu den besten Mitarbei-tern fuer ein Murks- Blaettchen bereitstellen. Dann warte ich lieber, bisdie wirtschaftliche Lage sich auch auf diesem Gebiet etwas gebessert hat,was in dem Augenblick eintritt, in dem die Zonengrenzen fallen.- Trotz-dem wird mein Projekt nach wie vor diskutiert und bearbeitet, vielleichtgibt es doch noch eine Ueberraschung.

A ber etwas Wichtiges: durch Vermittlung eines amerikanischen Abteilungs-leiters, mit dem ich im Theatre bControl Office viel zusammenarbeiten muss-te, wurde ich an einen Mr. C. empfohlen, der sich mit mir eingehend un-terhielt und mir riet, mein Zeitschriften- Projekt ganz eisern zu verfol-gen und keine Zugestaendnisse zu machen, selbst wenn es sich bis zur Li-zenzerteilung noch ein halbes Jahr oder noch laenger hinziehen sollte. DieWartezeit koennte ich dami ausfuellen, dass ich in einer seiner Abteilun-gen arbeite. Er sitzt im Stab der Information Control Division, also nichtweit vom frueheren Schuss( Theatre Control gehoert ja auch zu ICD ), ausser-dem arbeiten diese Abteilungen nicht weit von hier in einem grossen Gebaeu-dekomplex, Fussweg eine Viertelstu de( mit dem Wagen, der dann auch wiederlaufen soll, knapp 5/ Minuten), was sich alles sehr guenstig anhoert. Da-rueberhinaus gibt es jeden Mittag eine zusaetzliche, nicht schlechte Mit-tagsmahlzeit, was allerdings- wenn ich ganz ehrlich sein soll- nicht dengeringsten Reiz auf mich ausueben wuerde, wenn mir die Arbeit nicht zusagt.D ennXXXXX nur des Frasses wegen zu arbeiten ist unbefriedigend, sturud toetend. Ich soll in einigen Tagen Bescheid bekommen, ob etwas darauswird.( In einigen Tagen ist also wieder ein Brief an Euch faellig, ich kom-me durch die sich ueberstuerzenden Ereignisse mit der Korrespondenz garnichmit).

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Die zweite Freude: gestern Vormittag stand ploetzlich August Kirschmannvor der Wohnung stuere. Ich war nicht zu Hause, Maria machte ihm auf underkannte ihn sofort, denn sie sah ihn zum letzten Mal, als er uns im Jahre1938 in Berlin besuchte. Es gab selbstversta endlich sehr viel zu erzaeh-len, und wir tauschten unsere guten und schlechten Erlebnisse aus und ver-glichen u seren Kampf ums Dasein, wobei wir feststellten, dass trotz Zo-nengrenzen die groesste Problematik in allen Zonen die gleiche ist: wo be-kommt man die Kalorien her, und wie. Er hatte mir in einem Brief, dernicht angekommen ist, geschrieben, dass er im Jahre 1942 in der Renata-strasse 48 als Wehrmachtsbeamter gearbeite hat, also in dem gleichenHaus und fast in dem gleichen Buero, in dem ich im Theatre Control Officegesessen habe. Bis 1944 war er in Muenchen . Und wusste nicht, dass ich