Liebe grosse Mutti und lieber Emil,
die grosse Entscheidung ist gefallen: ich habe auf den Tag genau fünfMonate lang mit dem Damokles- Schwert über mir umsonst alle mög-lichen Ängste ausgestanden und mir grösste Sorgen gemacht. Irgendwieerreichte ich es, dass ich mit einem entscheidenden Herrn noch einmaleine sehr gründliche Aussprache haben sollte. Ich packte da alles inszwischen verlorengegangen war, noch einmal alles zusammen, was ich anFormularen ausgefüllt und ansonsten schriftlich zusammengetragen hatte,und ging dann zu dem Rendezvous. Der Herr war aber grindlich und sagte,dass er erst einmal nachschauen wolle, ob sich in den Akten des Hausesnicht doch etwas anfände,- und er fand etwas, worüber er den Kopfschüttelte, weil es in einem Umschlag steckte, den nie ein Mensch zusehen bekommen hatte. Er hielt es für notwendig, alles genauestens zustudieren und bestellte mich auf den nächsten Tag. Die Unterhaltung wargründlich und ausgiebig, und als ich mich verabschiedete, machte er eineso positive Andeutung, dass ich sehr beruhigt nach Hause ging.- Gesternkam das schriftliche Ergebnis: ein general approval,
Ich habe stante pede sowohl meinen Antrag für die Zeitschrift als auchfür den Veranstaltungsdienst ausgearbeitet, die halbe Nacht hindurch,und eingereicht.
Einer der Herren in meinem früheren Office meinte schon vor längererZeit, dass ich nach erfolgter Approbation unbedingt- und seies auch nur für wenige Wochen- ins Office zurückmisse, als Rehabilitie-rung, da ich ja in den fünf Monaten manchem Gerücht ausgesetzt gewesenbin. Diese Frage soll morgen geklärt werden, da mittlerweile der staffdes Office personell zusammengestrichen wurde und Neueinstellungennicht mehr vorgenommen werden. Aber vielleicht macht man bei mir eineAusnahme, eine verdiente Ausnahme, wodurch ich bis zur Erteilung mei-ner Lizenz noch zu einem sicheren Monatsverdienst käme. Mal abwarten,wie sich das entwickelt. Wenn nicht, ist es auch nicht so tragisch, Ichmuss jetzt nur noch die Zeitschrift durchkämpfen, was auch nicht ganzleicht sein wird, und dann werde ich mein eigener Herr. Bis zum Herbstsoll es so weit sein.
Maria wollte Euch selbst wegen des letzten grossen und warmen Segensschreiben, hatte aber in den letzten Tagen so viel zu tun, und wurdeausserdem vom Haushalt etwas aufgefressen, da unsere Wäscherei geplatztist und wir selbst ganz grosse Wäsche machten, was für Maria aber einbesonderes Vergnügen war, da sie endlich einmal wieder richtig in Sei-fenschaum pantschen und durch die fabelhafte Qualität des Pulvers nurhalb so viel Arbeit hatte. Ausserdem ist sie wieder so glücklich undzuversichtlich wie ehedem, weil sie weiss, dass Sie sich wieder, waseine künftige Arbeit für mich anbetrifft, auf positive Dinge freuenkann. Das ist mehr wert, als man mitunter wahrhaben will.
Konnte
Heute Vormittag hörten wir uns den Bandura- Chor an, uer zum ersten Malyor die deutsche Öffentlichkeit trat, nachdem er xxxx selbst ausdisplaced persons bestehend- bisher nur in Lagern vor DP's gesungenhatte. Eine lange nicht so gute Kopie wie der Donkosaken - Chor von Serge Jaroff . Solche Dinge waren einmalig.
Auch die Art, warum und wie ein Land wie Deutschland in eine Katastrophehineingeriet, wird einmalig sein.
Wir haben uns diese Maschine für eine Sonntag- Nacht aus dem" Würfel" ge-borgt, um wichtigste Korrespondenz und andere Schreiberei zu erledigen.Ein grosser Teil ist noch zu erledigen,- und die Nacht ist bald herum.Deshalb nur diesen kurzen, aber bisher inhaltsreichsten Brief, mit denschönsten und glücklichsten Grüssen, von Maria und von Eurem
Lotte bekommt von diesem Brief eine Kopie.
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