Fritz, mein lieber Junge, liebe Maria,
den 28.Juni, 1946
da hat man nun geglaubt, dass man zwei lieben Menschen eine Freudemachen kann und nun besteht die Gefahr, dass das wieder zu Essigwird. Ich hoffe, Du hast meinen Brief, datiert vom 12. Juni no ch be-kommen? Und den Zettel auch?
Dein Brief vom 26.Mai hat mir Emil nachgeschickt.Wohin fraegst Du?In die Catskils.Das sind Berge, in der Luftlinie nicht so sehr weitentfernt von N.Y. , also auch im selben Breitegrad, aber doch so hoch,dass man unter der Hitze nicht mehr so sehr leidet. Frueher hat manin der Zeitung immer etwas ueber die" Hitzewellen" gelesen, die NY heimsuchen, aber man hat sich doch keine Vorstellung machen koennen.Ich war in Suedfrankreich, dort ist es auch ganz schoen warm.MeineNeuralgiene sind dort viel besser geworden. Dann waren wir auf derFahrt von Marseille nach hier 5 Wochen auf der Insel Martinique , imLager. Das ist tropisch, dazu hatten wir kein Süsswasser, aber die Hit-ze hat mir auch dort nicht soviel ausgemacht. Hier ist es nur die Hoe-he von Neapel.Stell1 Dir vor 95 Fahrenheit im Schatten. Das sind-95-32-63, geteilt durch 9- 7 und mal 5, das sind 35 grad Celsius.Mit 28 grad bekamt Ihr frueher hitzefrei. Aber die Hitze in den Stein-mauern ist nicht das Schlimmste.Wenn die Luft dann einen Feuchtig-keitsgrad hat von 75-95, dann kannst Du kaum atmen, die Kleidung klebtDir am Leibe fest, das Herz muss aus ganzer Kraft pumpen und Du brauchsteine ungeheure Kraft nur fuer die einfachsten Funktionen des Lebens.Als wir nach NY kamen, es war am 29.Mai, ging es sofort weiter nachMeriden im State Connecticut ( Conn). Dort ist es auch heiss im Sommer,aber wie alle amerikanischen Provinzstaedte, ist auch Meriden weitauseinander gezogen, mit vielen Gruenflaechen. Und wenn es sehr heisswar, spannte Robert am Abend das Auto an und es ging ein Stueck hin-aus. Da wehte einem der Wind um die Ohren und ausserdem gabs in derRegel Eiscream.--Von dort ging ich nach dem Mittelwesten in eineQuaekerschule zum Englisch lernen. Es war noch weit mehr auf demLande/ als das in Meriden der Fall/ gewesen war.--So lernte ich inden ersten beiden Sommern nichts von der beruehmten/ beruechtigtenNYer Hitze kennen, wohl Emil, der inzwischen laengst in NY in einemder Brownstone- Haues er in einem" moeblierten Zimmer" sass, der abersich nicht beklagte.So habe ich dann geglaubt, als die verschiedenenLeute, von denen ich wusste dass sie Auch kein Geld hatten, dassei eine so besondere Sorte von Snobismus-- wenn sie sagten" man"koenne doch nicht den ganzen Sommer in NY verbringen!" Heute weissich es besser, man kann, wenn man muss, natuerlich. Aber wenn XX DeinHerz pumpt, wenn Dich Schwindel plagt, Dein Schlaf aus lauter Phanta-sien besteht, dann faengst Du beizeiten an nach einer billigen Ge-legenheit zu suchen. Und so sind mir auch in diesem Jahre Freundemit dem Preis sehr weit entgegen gekommen und ich habe mit Emilsund Kaetes Hilfe( die die beiden Verdiener sind) die Moeglichkeit, dieschlimmsten Monate hier zu verbringen. Ihnen tut es auch not, siekommen auch fuer 4 Wochen her, leider geht es des Berufes wegen nichtlaenger.Und ich binder Parasit, der von den Anderen schmarotzt....Nun werde ich Dir noch eine Geography- Stunde gebenWenn man schreibt:New York , NY , oder New York N.Y. , dann bedeutet das; New York imim State New York . Die beiden Buchstaben sind die richtige, offizielleAbkuerzing fuer den so sehr wichtigen State, in dem ein Ort liegt.Robert wohnt im State Connecticut , abgekuerzt Conn. Es gibt Staedtegleichen Namens, wichtig ist fuer die Post jedesmal der State. BeiNew York macht das vielleicht nicht soviel aus, aber jeder schreibt
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