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Fritzmichael Röhl, Minchen Harlaching, Haselburgstr.6 40 857
26. Mai 1940.
Liebe grosse Mutti, bester Emil,
Euer Brief vom 13. April kam vor zehn Tagen an, brauchte also etwa 5Wochen. Das geht. Ich habe nicht gleich antworten können, da ich geradeunterwegs war.
Lotte hatte mir die Adresse von Dr. Kempner in Nürnberg gegeben, ichschickte ihm einen kleinen Brief, und in seiner Antwort bat er mich,ihn zu besuchen.
Ich schilderte ihm den ganzen Sachverhalt, und er versprach, sofortetwas zu unternehmen. Den Start seiner Unternehmung erlebte ich noch,fuhr nach München zurück,- und jetzt warte ich. Habe schon einige Ma-le mit ihm telefoniert, aber er konnte mir noch nichts sagen. Soll ihnam 28./29. noch einmal anrufen.- Bin neugierig, ob er etwas machenkann. Wenn nicht, dann gibt es keinen Weg mehr. Wahrscheinlich gehe ichdann in die englische oder französische Zone, wo man den Soldaten ge-genüber, die während des Krieges einmal den befehl bekamen, 8 Monate--lang als Sonderführer( G) in Kriegsgefangenenlagern zu dolmetschen, et-was grosszügiger eingestellt ist. Zumal ich mohgewiesen habe, dass ichin diesen acht Monaten nicht dolmetschte, sondern den Franzosen an al-len Ecken und Kanten half. Sch ann drüber.( Aber zum Kotzen ist es trotzdem).
Lotte, die Durchschlag dieses Briefes erhält, kann mir nicht helfen.Ich habe hier meine von mir selbst wieder aufgebaute Wohnung, Maria hathier ihre Arbeit, ich habe ein halbes Jahr lang den Boden für meineZeitschrift vorbereitet und alle Vorbereitungen mit reichlichen Kostenaufwand hier getroffen. In eine andere Zone wandern heisst: völlig mittellos von hier fortziehen irgendwhhin, wo man erst wieder- für eineUnterkunft sorgen muss, dann für ein Verdienst,- und dann sind wahrscheinlich wieder zwei Jahre vergangen. Ich würde nichts sagen, wenn..ich ein Nazi wärel Aber die ehemaligen Pg.s sitzen stellenweise nochimmer in ihren Aemtern, weil sie im Augenblick unentbehrlich sind, aberein nachgewiesenermassen hundertprozentiger Anti- Nazi wie ich bekommtdas Signum:" Not to be employed". Weil ich französischen Kriegsgefange-nen das Leben hinter Stacheldraht erträglich machte, ihnen alles besonte, und einigen die Flucht ermöglichte.
Aber das soll das letzte Mal sein, dass ich mich noch einmal in dieseverflixte Verbitterung hineinschreibe.
Emil mag recht haben: Roosevelt war ein ganz grosser Mann dieser Erde.Aber dass auf Grund einer Verfügung von Washington ein Dolmetscher imRange eines Sonderführers( G) ein Dreck sein soll, leuchtet mir nichtein. Wenn ich Front- Dolmetscher gewesen wäre, Gefangene geprügelt undsadistisch verhört hätte! Ich würde sagen: jawohl, es geschieht mirrecht. Jetzt tut es mir leid, dass ieh 1934 nicht bei Euch imSaargebiet geblieben bin und die Emigration mit Euch durchlebt habe.Sie wäre nicht schwerer gewesen als manches narte deutsche Nazi- Jahr,und ich würde dann von New York aus sagen können: da haben sich- diesedeutschen Idioten ja was Schönes eingebrockt.
Nein, ich bin froh, dass ich in Deutschland blieb und aushielt, wennauch meine Anti- Tätigkeit über den Freundeskreis nicht hinausging( sonstkönnte ich diesen Brief hier nicht schreiben). Vielleicht habe ich dochnoch einmal eine Chance.