Akte 
Persönliche Korrespondenz
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

May 14, 1946

Fritz, mein lieber Junge, vor ungefaehr einer Woche erhielt ich Deinen kurzen,englisch geschriebenen Brief vom 28.April datiert. Du beziehst Dich darin aufeinen zwei Tage frueher geschriebenen Brief, der aber bis heute noch nichteingetroffen ist. Dadurch ist die Information sehr unvollstaendig. Ich bin inden letzten Tagen wohl 6-8 mal taeglich herunter an the mailbox gelaufen,immer vergeblich.Frage: Ist der Brief denselben Weg gegangen? Ich schriebDir am 12.April durch die Post und am 22.und 25.Maerz antworteten Emil undich in je einem besonderen Brief auf Deinen Brief vom 22.Februar, der unsnatuerlich in grosse Unruhe versetzt hatte.Weil wir wegen der Befoerderungnun etwas unsicher waren, haben wir den Brief ueber Lotte geleitet, auch inder Hoffnung, dass die, zwar vielbeschaeftigte, aber doch immer sehr hilfsbe-rette Lotte Dir vielleicht behilflich sein koennte.Wobei wir auch an Robert Kempner gedacht haben. Ich will nun" in der Sache" nicht viele Fragen stellen,bin ich doch der Hoffnung, dass der vermisste Brief doch bald ankommen wird.Da wuerde ich mit Fragen nur Unruhe stiften, die Pausen, in denen man dieBriefe erhaelten kann, sind so unendlich lang. Du wirst inzwischen sicher denBrief von Lotte bekommen haben und wir werden hoffentlich bald im BesitzDeines Briefes sein.---- Unruhig macht mich-- ausserdem-- aber doch der letzteAbsatz Deines kurzen Zettels, worin Du schreibst, dass Du die meiste Zeit imBett verbringst, Dich nur langsam bewegen kannst, und dass Dir das Schreibensehr schwer faellt. Ich moechte nun wirklich gerne wissen, was los ist, bistDu schwer krank? Hast Du einen Unfall gehabt, ist vielleicht was mit demWagen passiert? Das-- und anderes*. sind die Fragen die nun quaelen.- Wennich doch endlich den" vier Seiten langen Brief vom 26.April" in den Haendenhaette.( unterwegs bin,

Sobald ich" for shopping" sollst Du die gewuenschte Mappe haben, dies istja nur eine Andeutung und keine Mappe oder Karte. Wir wohnen mitten inder Bronx ( und mitten unter ostjuedischem Publikum) aber von der UNO habenwir doch nichts bemerkt, dazu sind die Entfernungen noch zu gross.--- Robertkann uns in zwei und einer halben Stunde erreichen, er kommt öfter her, weiler hier zu tun hat.Es ist direkte Bahnverbindung.Er ist nicht ein so kueh-ner Autofahrer, wie seine Soehne und zieht fuer solche Strecken die Eisenbahn

vor.

ist das heute nicht mehr.

Einmal war Paul schon mit ihm hier, er ist nun vom Militaer entlassen undwird bald anfangen zu arbeiten.Er hat sich in Wien eine Frau gesucht, eswird noch Schwierigkeiten geben, sie herzubringen.- So einfach wie frueher,Es intressiert uns alles sehr, was Du an Gedanken ueber die Entwicklungdrueben auesserst. Es waren schon viele Leute von drueben hier, richtiger,sie sind jetzt hier. Viele haben so gearbeitet, wie z.B.Langendorf es tut,oder aehnlich. Wir holen sie, damit sie in kleinen Versammlungen reden, oderim Freundeskreis in einer Wohnung, wo man nach Herzenslust Fragen stellenkann. Da es Leute sind, die Deutschland von frueher genau kennen, gibt es auchmanchen Aufschluss. Dazu kommt die umfangreiche Korrespondenz, die jeder vonuns hat. Und doch- es ist und bleibt ein ungenaues Bild.Arme deutsche Jugend,die keine Zukunft vor sich hat und heute unter dem Hunger und der Aussichts-losikeit leidet.-- Aber abgesehen von der politischen Entwicklung-- zuerstmuss wohl die Nahrungskrise geloest werden und eine gewisse wirtschaftlicheRegelung muss erst Platz greifen. Aber da sind wir schon wieder angelangt beider Katze, die sich in den Schwanz beisst- eins ist immer ahhaengig vom ande-ren.--- Dass ich hier fleissig und betriebsam in der" Arbeiter- Wohlfahrt, N.Y.arbeite, weisst Du? Ich sende Dir( nicht per airmail) einiges Schriftliche,darunter auch die Mierendorf- Broschuere.Ein Paket soll auch in den naechstenTagen an Dich abgehen. Herzlichst fuer Dich und Deine Maria Eure

grasse Matt!