20. März 1946.
Liebe grosse Mutti Tante Mi, lieber Emil,
seit meinem letzten Brief an Euch habe ich keine Post mehr von drüben bekommen. Ich weissnicht, ob und an wen Ihr geschrieben habt. Vielleicht geht auch ehmal etwas verloren.- Ichhätte in meinem letzten Brief bereits an Tantex Mi.s Geburtstag denken können, aber da ginges in menem Kopf reichlich verworren zu. Aber am 15. März habe ich an Dich gedacht, grosseMutti, und dachte jedes Jahr daran, denn am 15. März 1936 sass ich mit Maria Neppert- Boehlandin Berlin in einer Bar und unterhielt mich mit ihr inmitten von sehr schräger Tanzmusik,Stimmengewirr und schlürfender Tanzschritte, tanzte auch mit ihr, brachte sie nach Hause,sate brav auf Wiedersehen bis zum nächsten Morgen, und war am nächsten Morgen zum Frühstückda. Wenige Wochen später setzten wir uns in einen Eisenbahnzug, fuhren nach München , wo wiruns noch Dinge enkauften, die man baucht, wenn man gen Süden fährt, und waren einen Tagspäter in Venedig , das wir zwei Tage genossen, um dann mit einem jugoslavischen Dampfer dieganze dalmatische Küste entlangzufahren, bis herunter nach Hercegnovi in der Boka Cotors-ka, der Bucht von Catarro, in der eine mit Cypressen bestandene Insel liegt, die angeblichModell gestanden hat für Böcklins Toteninsel. Mit dem Auto fuhrenwir dann nach Dubrovnik zurück, und setzten von dort zur Insel Korcula hinüber, auf der wir vier Wochen blieben undGott und die Welt vergassen. Maria malte herrliche Aquarelle, ich fotografierte, schrieb,machte mit eher Schmalfilmkamera einige Kurzfilme, deren Originale ich noch heute habe.wischen sind lo Jahre vergangen. Auch die Schmal fimkamera ist vergangen, d.h. sie wurdeannahmeweise gestohlen, denn als ich im Juni 1945 nach dreijähriger Abwesenheit nach München zurückkam, waren inzwischen so viele Menschen in meñen Sachen ein- und ausgegangen, und da-bei war dann auch vieles mitgegangen.
Und weil das vor genau lo Jahren am 15. März war, und weil ich damals zu Maria sagte, dasswir uns diesen Tag leicht merken könnten, denn es sei Dein eburtstag, deshalb deke ich andiesem Tag auch besonders liebevoll an Dich.
Inzwischen hat sich nichts von Bedeutung ereignet. Ich weiss nicht, ob Du den Brief bekom-men hast, in dem ich mitteilte, dass Schwierigkeiten enstanden sind, weil auf Grund einer ame rikanischen Verfügung alle Sonderführer eingespert wurden. Ich war ja nun auch einge Monatelang Sondeführer, aber als Dolmetscher in eiem Kriegsgfingnenlager. Ich schrieb Euch ausführlich, was ich damals machte, um den franz. Kriegsgefagenen zu helfen, und wie ich ihnen wirk-lich half.
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Meine amerikansche Dinststelle hatte sich nun bemüht, um diese Dige karzustellen, mit dem Er-gebnis, dass ich noch einmal zu CIC vorgeladen wurde und dort mehr als eie halbe Stunde langalles sagen konnte, was es zu sagen gab. Aber auf das Ergebnis dieser Vorladung warte ichheute noch. Vielleicht kommt es morgen oder überargen. Wenn es heisst, dass ich meie Arbeitfortsetzen kann, werde ich imTheatre Control Office weiterarbeiten, und Capt. Van Loon hatsich in ener Weise um mich bemüht, die fast schon väterlich it. Dann werde ich ehe LizenzSine Kunst- Zeitschrift beantragen, die ich inwithchen als Rubin Probenummer fertigge-habe. Ich schrieb auch schon davon. Sie heisstcapo und befasst sich mitTheater, Musik, Tanz, Rundfunk, Kabarett, Keinkunst, Zirkus, Presse, Literatur, Film, Male-rei, G@ aphik, Bildhauerei usw. Und da hätte ich gleich eine Bitte: wisst Ihr eie Möglichkeit,wie ich Material aller Art aus den genannten bieten aus Amerika bekommen kann? Ich denkean Text- und Bildmaterial, textliche Informationen über das, was sich in Amerika auf diesenGebieten tut, Beiträge massgebender Persönlichkeiten, die ich später einmal, wenn ich in dreiSprachen erscheine, selbstverständlich auch englisch drucken will, Bildmaterial, das sichdurch das Thema und die Art, wie das Thema fotografiert wurde, von der Schablone entfernt.So suche ich im Augenblick für ehe zweiseitige Veröffentlichung eine Luftaufnahme von New York , und dazu- gewissermassen als Rahmen- eie Aufstellung aller Arten von Theater, wie sieaugenblicklich in New York spielen, sowohl der ernsten Theater, Oper und Schauspiel, alsauch der Revuen, Cabarets, Shows usw. Ich könnte mir auch manches textlich Interessante ausirgendwelchen Zeitungen und Zeitschriften heraussuchen, wenn ich diese Zeitungen und Ma-gazine hätte. Mein d a capo wird allerdings ene ausgesprochene Kust- Zeitschrift vonhohem Niveau. Wenn Ihr mir da einige Tips, Praktische Ratschläge oder auch direkte Hilfe ge-ben könntet, wäre ich Euch sehr, sehr dankbar. Nur müsste man dann noch den Weg finden, wieich dieses Material bekomme. In diesem Falle liesse sich alles mühelos, da es ja ohne Briefdenn ichabgige, an Van Loons Anschrift schicken, mit einem kleinen Vermerk" For da capo",werde durch Van Loon und Behr bereits lebhaft uherstützt. Durch Behr soll ich England- Mate-rial bekommen. Zur Zeit besteht allerdings keine Möglichkeit der Honorierung irgend einerMitarbeit. Ich könnte bestenfalls