22/2/46
Thr guten Beiden, grosse Mutti und Emil,
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der Postsegen heute war ueberwaeltigend, und kam zur rechten Zeit, denn ichbefinde mich gerade auf einem trostlos tiefen Nullpunkt, seelisch, moralisch,beruflich, geistig.Zuerst von mir: vor genau acht Tagen bekam ich eine Vorladung zum CIC inMuenchen , glaubte, dass das im Zusammenhang mit meinem Lizenzantrag fuerden Veranstaltungsring und fuer meine geplante Kunstzeitschrift stuende, undfuhr vergnuegt hin, sagte Maria, dass ich sie eine halbe Stunde spaeter inder Stadt treffe, und wurde kurzerhand eingesperrt. Am naechsten Tag daserste Verhoer: wo, fuer wen und gegen wen ich in der Abwehr gearbeitet haet-te.- Zur Sache: ich kam Ende 1940 aus Frankreich zur Dolmets cher- Kompanie,machte meine Pruefung mit" 2" als Schriftkundiger, kam in ein Kriegsgefange-nenlager, wurde dort nach einigen Monaten zum Sonderfuehrer( G) gemacht, d.i.gewoehnlicher Soldat im Range eines Unteroffiziers, half bei der Einrichtungdes Lagers und beim Aufbau mit, um den Franzosen ein menschenwuerdiges Ba-rackenlager zu bauen, arbeitete auch einige Tage in der Briefstelle, in derwir zu den Klaengen eines Foxtrots tausende von Briefen ungeles en stempel-ten, damit die Angehoerigen in Frankreich endlich erste Nachricht von ihrenVatern und Soehnen bekamen, half tatkraeftig bei der Einrichtung einer Hoch-schule im Lager mit, kuemmerte mich darum, dass die Musiker zu Instrument enkamen, die mit Geldern des I.R.Kr. gekauft wurden, sorgte dafuer, dass eineUnterhaltungsbaracke mit einer Buehne eingerichtet wurde, verschaffte denGefangenen Kostueme und Materialien, um Buehnenbilder zu bauen, organisierteeinige Reisen in benachbarte Staedte, Nuernberg und Wuerzburg , wo in deut schen Theatern fuer im Arbeitseinsatz stehende franzoesische Gefangene Vor-stellungen gegeben wurden, stellte mit und aus deutschen Aameraden eine ei-gene kleine Variete- ruppe zusammen, die vor Deutschen , auch vor Zivilistender naeheren Umgebung, von mir gebaute Programme auffuehrte( eine bezaubern-de Moritat, Dschungel- Taenze, illustriert von amerikanischen Platten ausmeinem Besitz, ein Schnuerstiefel- Ballett, getanzt von Kameraden, und ent-sprechend grotesk zum Traenenlachen, einige chariki er ende Sketchs, Black-outs usw.), machte eine Broschuere unter dem Namen" Der Stempel", in derich alles und alle gehoerig durch den akao zog, fotografierte alle Kriegs-gefangenen, damit die Angehoerigen in der Heimat auch einen bildlichen Ein-druck bekamen, lieferte durchschnittlich im Monat einige tausend Vergroes-serungen, die ich ausserhalb der zulaessigen Zahl von 4 Briefen und zweiKarten mit Hilfe still verteilter zusaetzlicher Briefformulare weiterbefoer-derte, leitete einige Beschwerden von Kriegsgefangenen ohne Wissen meinerVorgesetzten an das Int.Rote Kreuz nach Genf weiter, worauf einige Zeit spaeter ueberraschend Kommissionen erschienen, um die Maengel in Augens ch ein zunehmen, half einem entflohenen Gefangenen, der mir nachts in den Weg lief,weiter, indem ich ihm noch einige Tips fuer sein Weiterkommen gab, obwohlbei seiner Festnahme eine Belohnung von vier Wochen Sonderurlaub gewinkthaette, kurz und gut: ich tat, was mir mein menschliches Gewissen vor-schrieb, obwohl ich mehrere Maxie unmittelbar vor dem Kriegsgericht stand.Und jetzt wurde ich gestellt, gegen wen, fuer wen und in welcher Abwehr-oder Spionage- Abteilung ich gearbeitet haette.- Ich will Euch mit Einzel-heiten verschonen. Fuer jemanden, der wie ich diese 12 Jahre mit fanatischerZaehigkeit an seinem Glauben festgehalten hat, der schon 1935 wegen EuresVermoegens zur Gestapo zitiert wurde, der immer ein rotes Kreuz hinter sei-nem Namen hatte und das unsagbare Glueck hatte, manchen auf ihn abgeschosse-nen toedlichen Pfeil abzulenken und nach dem Ausweichen wieder den Kopfhoch zu tragen, der vielen vernichtenden Gefahren dieses scheusslichenKrieges erfolgreich ausweichen konnte, weil er sich mit seiner Frau von An-beginn des Unheils darueber klar war, zu den Ueberlebenden zu gehoeren,fuer mich war das schlimmer und abkuehlender als manche Hitler- Idiotie. Dasitze ich nun im amerikanischen Theatre Control Office, arbeite von morgefrteh his aneet in die Nacht weil ich mir einbilde. trotz meiner 37 Lenzezu den jungen Menschen zu gehoeren, die den Schwung haben, mit dem Elendder Zeit und der Welt doch einmal fertig zu werden, und man gibt mir dann