Akte 
Persönliche Korrespondenz
Entstehung
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Gelegenheit, mehrere Tage bei kaerglichen Schwarbrot- Schnitten und Wasser-Suppen in einer kaltfeuchten, zugigen, unratduftenden Gefa engniszelle da-rueber nachzudenken, was ich wohl am besten anfange, wenn ich in einemStraflager sitze: ob ich mich aufhaenge, mir die Fulsader aufschneide, oderVerrueckt werde.

Ja, liebe grosse Mutti und lieber Emil, und dann lese ich, nachdem ich vor-gestern entlassen wurde, Eure schoenen Saetze der letzten Briefe:" DeinBrief, lieber Fritz, war was mich freute und erfrischte optimistisch.Oh-ne dieses Kraut kommen wir im allgemeinen und Ihr im besonderen druebennicht aus. Ich bin sicher, dass Ihr, die Ihr durch diese Nazi- Hoelle gegan-gen seid, wisst, was Ihr wollt und was getan werden muss." Jawohl, lie-ber Emil, ich weiss das, sehr, sehr genau.- Aber ich darf nicht. Darf nichtmehr." Not to be employed" heisst der Urteilsspruch. Und wenn mich meine amerikanischen Vorgesetzten nicht doch noch herauspauken, darf ich verhung ernoder wirklich kurzerhand Schlussmmachen. Maria geht jeden Schritt mit, denich mache. Sie macht auch den allerletzten Schritt mit, wenn es so weit kom-men sollte.Und Du, liebe grosse Mutti, hast eine berechtigte Bewunderung fuer die Kraefte, die sich regen, um neu aufzubauen, und gehst mit kuehnen Gedankenga en-gen einer sich neuzuformen den Arbeiterbewegung voraus.- Wenn Du Gute wuess-test, wie weit wir noch davon entfernt sind. Zu dieser Neu-formung muessen erst die Voraussetzungen geschaffen werden, aber nicht durcheine Jugend, die nur den Nazismus kannte, und nicht durch diejenigen, diein KZ- Lagern vegetierten, auch nicht durch die, die es in der Heimat ueber-standen haben, und erst recht nicht durch die, die in der Fremde sich aeng-stigten, wie die restlos zerschmetterte Heimat alles das ueberstehen wuer-de. Du hast recht:" So vieles liegt da in Widerstreit miteinander". Aberwas in Widerstreit miteinander liegt, spielt sich nicht auf der Buehneab, die" Deutschland " heisst. Es gibt ja gar kein Deutschland . Und erstrecht noch keinen Frieden. Wir haben Waffenstillstand. Der Frieden wird erstdiktiert. In einigen Jahren.

Den Siegerstaaten mache ich im Prinzip nicht den geringsten Vorwurf: siehaben den Krieg ueber ein politisch unreifes to erichtes Volk gewonnen undziehen alle Konsequenzen, um dieses Volk daran zu hindern, jemals wiederkriegerische Ambitionen zu entwickeln. Dazu gehoert die restlose Ausrottungaller nazistischen Ideologien und militaristischen Ueberbleibsel. Und aufdiesem Gebiet den richtigen Weg zu gehen ist das Problem. Ich weisskeinen Vorschlag zu machen, um solche Wege zu finden. Aber man experimen-tiert. Da ist das Problem der Mitla eufer. Was soll man mit ihnen machen?Sie werden- und sind es zum Teil auch schon entnazifiziert, wurden wie-der in den Wirtschaftsprozess eingeschaltet, und gehen mit tatsa echlicherRuettigkeit ans Werk, denn es kann ihnen nichts mehr geschehen. Sie entwik-keln Initiative und Tatkraft.

Und die anderen? Viele Urheber sitzen gottseidank hinter Schloss und Rie-gel. Je schneller man mit ihnen kurzen Prozess macht, desto besser. Einku emmerliches Aequivalent: 2 bis 3 Tausend gekoepfte Nazis, und lo Millio-nen Vergaste.

Aber jetzt geht es weiter: es sitzen alle SS - Leute. Es werden alle einfluss-reicheren Pg's festgesetzt. Die militaristischen Zirkel sind dingfest ge-macht. Dann kommt ploetzlich die Verfuegung, dass kurzerhand alle Sonder-fuehrer zu arrestieren sind. Vielleicht heisst es in vier Wochen: alles abFeldwebel aufwaerts ist a priori militaristisch.

Wer bleibt uebrig? Die entnazifizierten Nazis, die ungestoert ihrer Arbeitnachgehen.Folgendes krasse Beispiel, das im Bereich des Moeglichen liegt: ich warals Nicht- Nazi bei der Bavaria als Leiter der Presseabteilung ein gut ge-hasster Mensch. An Verleumdungen und Denunziationen hat es nicht gefehlt.Damals, es war 1940, haette ich dem auf mich ausgeuebten Zwang, Nazi- Mit-glied zu werden, nachgeben koennen. Ich waere U.K. gestellt worden, hae+