19/12/45
Liebe Tante Mi und grosse Mutti, lieber Emil,
sondern viel-das wird nun nicht nur mein erster Gruss und Brief an Euch,leicht sogar noch ein Weihnachtsgeschenk, auf jeden Fall aber ein Wunsch zueinem neuen Jahr, und fuer mich selbst ein Wunsch zu einem neuen Leben, dasvielleicht doch bald einmal wieder in eine Gemeinsamkeit muendet.
Es gehoeren Tage und Naechte dazu, wenn man nach so langer Zeit, nach so qual-voll ereignisreicher Zeit, erzaehlen soll, was war.
Es war sehr oft sehr trostlos, und ist es auch heute noch. Aber da ich meinoptimistisches Gemuet durch alle Jahre hindurch gerettet habe, sehe ich auchjetzt ganz mutig und lustig in eine verhaeltnismaessig freudige Zukunft.Aber Tatsachen, Einzelheiten: ich bin right hand man von Capt. VAN LOON( er istinzwischen befoerdert worden), sitze im Theatre Control Office des 6870 DISCC( District Information Services Control Command), und bemuehe mich gemeinsammit einigen reizenden amerikanischen Herren, das deutsche Theaterleben eini-germassen fruchtbar als neues Kulturkind in eine neue Welt zu setzen. Aber daiese neue Welt hier selbst noch in Kinderschuhen geht, meistens sogar nochchlecht und recht stolpert, ist das ein sehr schwieriges, muehevolles Unter-fangen.-Als ich damals es ist genau zwoelf Jahre her- aus Saarbruecken zurueckkam,hatte ich es noch eine Weile recht schwer, bis ich einigermassen wieder Fussfasste. Die Gestapo interessierte sich fuer Emils Vermo egen, fuer meine Stel-lung zu Euch,-ueber meine Herkunft wollte man sehr oft etwas wissen, andereLeute halfen mit, mich bei der Gestapo ins rechte Licht zu setzen, aber ichmachte brav und friedlich meine Filmfachzeitung, hielt auch mit meiner Meinungin entsprechenden Grenzen nicht zurueck, verbarg mich hinter dem Charakterder Fachzeitschrift als ausgesprochenes Filmblatt, und schlidderte so durch dieJahre hindurch. 1936 lernte ich Maria Neppert- Boehland kennen, eine sehr begab-te Malerin und Grafikerin, machte 1936 mit ihr eine Hochzeitsreise durch Jugo slavien , heiratete 1938, als ich aus der Fachzeitung ausstieg, um im DeutschenVerlag( Ullstein) den" Stern" mitzugruenden, den wir sehr amerikanisch aufzo-gen, ging vom" Stern" zur Bavaria Filmgesellschaft in die Presseabteilung,hatte dort betraechtliche Schwierigkeiten, weil einigen massgebenden Obernazismeine Haltung zu genau bekannt war, und wurde Anfang 1940 zu den Soldaten abge-schoben, ging als Nachrichtensoldat nach Frankreich , kam als Dolmetscher zu-rueck und dolmetschte mich bis 1943 durch den Krieg hindurch, kam wieder zurruppe, wechselte zum Soldatensender hinueber, wo ich gottlob auf Grund meinerHaltung nicht zur Propaganda kam, sondern ganz reine Unterhaltung machte, soim Stil der musical shows, was sehr viel Staub machte. In Skoplje in Mazedo nien machte ich musikalische Programme in fuenf Sprachen, mit Mendelssohn ,Tschaikowsky und anderen Verbotenen, aber das war schon hochgradige Rueckzugs-stimmung. Als Letzter kam ich auch aus diesem Hexenkessel heraus, und meineFrau Maria, die mich staendig hoerte und der ich per Welle geschluesselte Mit-teilungen machte, brauchte nicht allzu sehr in Aengsten zu sein.Im Oesterreichischen geriet ich in englische Gefangenschaft, kam dann in einamerikanisches Lager, und Ende Juni nach Muenchen . In Berlin war ich schon1943 total ausgebombt, ich war damals dabei und 20 Minuten lang verschuettet,machte waehrend der Bombenangriffe im sogenannten Katastropheneinsatz Rettungsdienst mit, grub Verschuettete aus, schleppte Phosphor- Verbrannte von einemLazarett ins andere, riegelte den Berliner Zoo mit ab, aus dem die WildenTiere, durch das" euer noch wild er geworden, auszubrechen versuchten und auchausbrauhen, klappte nach 14 Tagen zusammen, ja, das war ein wenig von dem,was dieser idiotische Krieg mir und uns bescherte, abgesehen davon, dass ichtacht Monate lang im Lazarett lag, weil ich mir an der Rhone - Muendung den Unterleib als ich einmal bei einem Flusskabelbau lo Stunden lang im Februar im Wasser sein musste- so erkaeltete, dass ich schon aufgegeben wurde und nur durchden Wagemut eines Pariser Spezialisten noch einmal heil herauskam. Abgesehenvon manch anderem Schlamassel, wo z.B. einmal von 220 Menschen zwei uebrigblieben, ein Kamerad und ich, obwohl wir mitten in einem halbstuendigen Bom-bent eppich auf einem Bahnhof lagen.
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eda
Nachts erlebe ich jetzt sehr oft diese Dinge. Damals hatte ich keine Angst,aber jetzt wache ich ziemlich entsetzt und schweissgebadet auf. Auch das wird