Akte 
Persönliche Korrespondenz
Entstehung
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Emil Kirschmann ,339 E- 173 StreetNew York 57, N.Y. USA

22, November 1945

Lieber Freund!

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Bitte entschuldige, dass ich in letzter Zeit-wider willen aber tatsaechlich, schreibfaul war. Seit sechsWochen.bin ich krank; vier Wochen musste ich fest im Bett sein.Die letzten zwei Wochen ging ich wieder etwas meiner Arbeitnach, sehr langsam und mit Unterbrechung. Bis ich wieder vollverwendungsfaehig bin, wird noch eine Weile ins Land gele n.Marie Juchacz hat einen grossen Teil der dringendsten schrift-lichen Arbeit neben ihrer sonstigen fuer mich erledigt.Kaethe hat ihr Ressort- Pakete an die Freunde voll ausgefuehrt.Ich bitte mit dieser mir selbst sehr merkwuerdig erscheinendenForm des Briefwechsels von meiner Seite vorlaeufig zufrieden zusein. Wie gross mein schriftlicher Verkehr mit den Freundennach drueben ist, magst Du aus der Methode, die ich anwendenmusste, erkennen; auch, wieviel Briefe unerledigt liegen bleibenmussten. Mir selbst ist das am unangenehmsten; Briefschuldendruecken mich sehr.

Mit Aufmerksamkeit und tiefer Freude haben wir verfolgt, wie ausdem Chaos allmaehlich sich wieder die Arbeiterbewegung formte.Erst, wie Ihr Euch in Frankreich gefunden und bewusst organisierthabt und dann der Wiederbeginn in Deutschland : Wir erlebten dieParteikonferenz in Hannover , von der uns Markscheffel einen sach- Vlich ausgezeichneten und lebendig geschriebenen Bericht schickte,den wir hier verbreiteten; wir sahen, wie sich das gewerkschaft-liche Leben neu organisierte; wir haben gerne notiert, dass ueber-all die Arbeiterwohlfahrt aufersteht. Wir wissen, die Anfaengesind hart. Nicht nur die besonderen Umstaende, unter denen sichdie Wiedergeburt vollziehen muss, Besatzung, grausame wirtschaft-liche Not, moralische Unzulaenglichkeit als Erbe der zwoelfjaeh-rigen Hitlerei, machen die Aufgabe fuer die Freunde drin fastunloesbar. Dazu kommt der Mangel an erfahrenen und brauchbarenMenschen, die bereit sind der Sache und nur der Sache zu dienen.Ich verstehe deshalb den Ruf, der sich in jedem Brief jedesFreundes findet: Wann kommst Du? Wir brauchen Hilfe! Wenn esnur auf den Entschluss ankaeme, waeren wahrscheinlich schon vieledem Ruf gefolgt. Doch es sprechen andere Faktoren das entschei-dende Wort, Faktoren, auf die der einzelne Emigrant gar keinenEinfluss hat. Die massgebenden Stellen betrachten das als eine'politische Angelegenheit und es erscheint zur Zeit im Rahmen deraugenblicklich noch gueltigen politischen Stroemung nicht opportundie Rueckkehr zu gestatten, Und so ist man gezwungen beiseite zustehen, wo man gerne mithelfen moechte. Und so muss sich unsere